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Joan Aiken: Nightfall - Fürchte die Nacht

Der Tag, an dem ich George kennenlernte, war einer der schlimmsten in meinem Leben. Nicht der allerschlimmste, der war drei Wochen vorher gewesen, als Mama und Ralph bei einem Autounfall am Sunset Boulevard ums Leben gekommen waren. Sicher hat es damals die üblichen Schlagzeilen gemacht, denn sie waren beide bekannte Filmstars, aber ich war viel zu jung - erst neun - und viel zu verstört, um mich darum zu kümmern. Ralph war nur mein Stiefvater, nicht mein wirklicher Vater, an den ich mich zu jener Zeit kaum erinnern konnte, aber er war immer lieb zu mir gewesen, hatte Späße mit mir gemacht, mich mit ulkigen Namen wie Popsypetal gerufen und alles Mögliche mit mir unternommen. Aber Mama war Mama, wunderschön, unberechenbar und unersetzlich. Wir hatten seit drei Jahren in Los Angeles gelebt. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie das Leben in England gewesen war. Obwohl ich mich in der kalifornischen Hitze wohlfühlte und unser großes, weißes, im spanischen Stil erbautes Haus liebte, ebenso wie die unkomplizierten amerikanischen Kinder, spürte ich doch immer noch ein wenig, dass ich hier fremd war. Aber Mama war immer im rechten Augenblick da, um mir mit ihrer warmen, liebevollen Stimme zu versichern, dass das Leben hier wunderschön sei. Mama, mit ihrem honigblonden Haar, ihrer Herzlichkeit, ihrer unwiderstehlichen, zuversichtlichen Lebenseinstellung, war für mich ein Symbol der Sicherheit bis zu dem Tage, an dem ihr Cabriolet von einem Lastwagen mit defekten Bremsen gerammt wurde. Bis zu dem Anruf in der Mittagszeit, der das Fundament meiner gesamten Existenz zerstörte. Ich sehe Sanchie, unser Hausmädchen, noch vor mir, wie sie mich aus weit geöffneten Augen erschrocken anstarrte, während sie telefonierte, und ich erinnere mich auch noch an die entsetzten Gesichter der Nachbarn, die wohlmeinend und mitleidig herüberkamen und sich zuflüsterten, was nicht für meine Ohren bestimmt war. »Die arme Kleine, sie hat niemanden hier, der zu ihr gehört, niemanden auf dem ganzen Kontinent, der sich um sie kümmert, wo soll sie bloß hin?« Ich war viel zu benommen und fassungslos, um darauf achtzugeben, aber später kamen diese Worte zurück und verfolgten mich bis in meine Träume. Eine Mrs. van Hefflin, die etwas weiter die Straße hinauf wohnte, nahm mich für ein paar Tage auf. Und inmitten ihrer lauten, lebendigen Familie lebte ich in einem Schockzustand und nahm die Barbecues, Picknicks und Zoobesuche kaum wahr, die man mir zuliebe veranstaltete in der Hoffnung, mich damit ein wenig zu zerstreuen. Dann war meine Zukunft plötzlich geregelt, und zwar ganz einfach, mein richtiger Vater schickte ein Telegramm, man setzte mich ins Flugzeug in die Obhut eines älteren Ehepaares, das ebenfalls nach London flog, und mein wirkliches Leben begann. Später hörte ich sie sagen, dass das ein sehr unruhiger Flug gewesen sei, aber ich hatte es gar nicht bemerkt noch mich geängstigt. Mr. und Mrs. Strangeway hatten keine Erfahrungen mit Kindern, und nachdem sie mich Verschiedenes gefragt hatten und´ich nur herumstotterte, ließen sie mich klugerweise in Ruhe.

Die Stewardessen stellten Mahlzeiten vor mich hin und nahmen sie wieder fort, ohne dass ich sie angerührt hatte. Man zeigte mir, wie ich die Schwimmweste anlegen musste, und ich befestigte den Sicherheitsgurt, als man es von mir verlangte, ohne recht zu wissen, was ich tat. Ich konnte immer nur an eines denken, meine Mutter war tot, ich würde sie niemals wiedersehen, niemals wieder ihre warme Hand halten oder ihr einen Gutenachtkuss geben können, ihr niemals wieder dabei zuschauen können, wenn sie sich für eine Party zurechtmachte, oder ihr herzliches Lachen hören, das so plötzlich und fröhlich hervorsprudeln konnte und für ihren Spitznamen Fizz verantwortlich war. »Fizz, bist du fertig, Liebling?«, rief Ralph jedes Mal von unten. »Wir müssen langsam los, sonst kommen wir zu spät zur Premiere!«
»Ich sage gerade Meggie gute Nacht, dann komme ich«, und dann nahm sie mich in den Arm, und wie jedes Mal sagte sie: »Träum süß, kleine Meggie!«
»Du auch!«
»Du auch, und hab ganz viele schöne Träume.«
Aber nun würde es keine schönen Träume mehr geben. In meiner Benommenheit dachte ich auch kurz an meinen Vater. Seit Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen, vier oder fünf Jahre, und ich war doch erst neun. Ich konnte mich nur schwach an einen grauhaarigen, graugesichtigen, müde aussehenden Mann erinnern, der viel älter als meine Mutter zu sein schien. Er war sowieso kaum zu Hause gewesen. Die meiste Zeit, soweit ich mich erinnern konnte, war er in Korea, wo zu der Zeit Krieg war. Und als er dann schließlich nach Hause kam, war es das Wichtigste gewesen, ihn nicht zu stören.
»Pscht! Mach keinen Lärm, sonst verärgerst du deinen Vater. Es geht ihm nicht gut, weißt du.«
»Warum geht es ihm nicht gut? Was hat er denn? Ist er krank?«
»Er war in einem Kriegsgefangenenlager, wo er fast verhungert wäre, daher müssen wir rücksichtsvoll und leise sein, denn er braucht viel Ruhe, damit er wieder gesund werden kann.«
Wahrscheinlich konnte sich meine Mutter ebenso wenig an diese Situation gewöhnen wie ich. An mehr über meinen Vater konnte ich mich jedenfalls nicht erinnern. Es muss kurz darauf gewesen sein, dass meine Mutter mit mir nach Amerika zog, wo ich Ralph kennenlernte, der nun mein Stiefvater werden sollte. Würde ich meinen Vater erkennen, wenn ich ihn sah? Mich fröstelte. Würde er mich überhaupt bei sich haben wollen? Würde er sich freuen, wenn er mich wiedersah? Was für einen Beruf hatte er? Und dann kam mir noch ein anderer Gedanke, der mich sehr erschreckte - hatte er wieder geheiratet? Ich hatte genügend Geschichten über böse Stiefmütter gelesen, um zu wissen, was das bedeutete. Ich fiel in einen unruhigen Schlaf. Es war neun Uhr abends, als wir auf dem Londoner Flughafen landeten. Mir war kalt, und ich fühlte mich elend und ängstlich, während ich die vorbeieilenden Leute anschaute, aber niemand sah so aus, wie ich meinen Vater in Erinnerung hatte. Niemand achtete auf mich, alle liefen an mir vorbei.

Vielleicht hatte er sich nicht die Mühe gemacht, mich am Flughafen abzuholen? Vielleicht wollte er mich gar nicht haben? Sicher war er sehr böse, weil meine Mutter ihn verlassen hatte. Hatte er sie damals so vermisst, wie ich sie jetzt vermisste? Es war das erste Mal, dass mir so ein Gedanke kam! Dann löste sich eine Gestalt aus der Menge und kam mit forschen Schritten direkt auf mich zu. Ich starrte sie an und hoffte, dass sie nicht mich meinte, dass sie ihre Richtung ändern und an uns vorbeigehen würde. Aber sie blieb bei mir stehen. Sie war eine kleine, magere, grauhaarige Frau mit scharfen Gesichtszügen und kalten, unfreundlichen Augen. Unter ihrem glänzenden Strohhut hatte sie ihr Haar zu einem Knoten zusammengesteckt. Sie trug ein graues Kostüm, mit einer seltsamen langen doppelt geknöpften Jacke, das schon seit vielen Jahren aus der Mode war. Ihr Rock reichte ihr fast bis an die Knöchel. Sie trug feste schwarze Schnürschuhe. Eine vergoldete Brosche verschloss den Kragen ihrer weißen Bluse. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst, während sie mich stirnrunzelnd von oben bis unten betrachtete. Ich sah, dass sie eine kleine Warze am Kinn hatte, aus der drei oder vier Haare
sprießten.
»Mr. und Mrs. Strangeway?«, sagte sie. »Ist das die kleine Frazer?«
Mein Herz sank mir in die Knie. War das etwa die zweite Frau meines Vaters? Ich spürte ihre Feindseligkeit und Missbilligung mir gegenüber wie einen Kältehauch und sperrte mich instinktiv gegen sie, während sie mit Mrs. Strangeway sprach.
»Hm. Genug Gepäck hast du ja«, sagte sie zu mir, nachdem die Strangeways gegangen waren und die einzige Verbindung zu der Welt, die ich verloren hatte, gekappt hatten.
»Das bedeutet, wir müssen ein Taxi nehmen. Na, zum Glück ist es nicht weit.«
Die Londoner Straßen waren dunkel und nass, Laub lag in kleinen Haufen auf dem glitzernden Pflaster. Ich fror und zitterte in meinem dünnen Sommermantel.
»Ist ja geradezu lächerlich, dich in diesem Aufzug hierher zu schicken«, beanstandete die Frau und verzog das Gesicht.
»Hast du keine anständigen Sachen? Ich werde dir wohl ein paar vernünftige Kleider kaufen müssen.«
Und das schien ihr gar nicht recht zu sein. Ich hatte nicht gehört, welche Adresse sie dem Fahrer genannt hatte, aber kurz darauf hielten wir in einer ruhigen, dunklen Straße mit großen Häusern. Auf der anderen Straßenseite waren Bäume mit niedrigen Gittern um die Stämme. Das kam mir irgendwie bekannt vor. Während ich mich bemühte zu glauben, dass ich mich wirklich erinnerte, wurde ich aus dem Wagen gezerrt.
»Komm heraus, du kannst doch hier nicht einschlafen. Hilf mir lieber, die Sachen ins Haus zu tragen.«
Noch immer ganz benommen, half ich ihr, meine Sachen eine steile Treppe hinaufzutragen, die zur Haustür führte. Der Taxifahrer wurde bezahlt und brummte wegen des kleinen Trinkgeldes, und wir betraten eine große, spärlich beleuchtete Halle.

Ein kleiner Mann in einer grauen Strickjacke kam die Treppe herauf und humpelte uns entgegen.
»Da bist du ja schnell wieder zurückgekommen, richtig «, sagte er. »Wie ich sehe, hast du sie mitgebracht.«
Er nickte mir flüchtig zu, ohne mich anzusehen oder mich zu begrüßen.
»Schnell zurück?«, rümpfte sie die Nase. »Ich habe eine Ewigkeit gewartet! Das Flugzeug hatte eine Dreiviertelstunde Verspätung! Nebel.«
Sie sagte es so, als wäre es meine Schuld.
»Ich werde mal das Gepäck raufbringen«, sagte er und humpelte eine Treppe nach oben.
»Für dich ist es das Beste, wenn du gleich ins Bett gehst«, sagte die Frau, die er Milly genannt hatte, zu mir. »Musst du noch etwas essen?«
»Nein danke«, sagte ich leise. Meine Kehle war wie zugeschnürt, und Tränen stiegen mir in die Augen.
»Du solltest noch ein Glas Milch trinken«, sagte sie, »ich werde es dir gleich mitbringen. Geh schon mal nach oben. Es ist das Zimmer im zweiten Stock, auf der rechten Seite, wenn du oben bist. Du siehst ja, wo Arthur deine Sachen hingestellt hat. Vergiss nicht, dich zu waschen. Das Badezimmer ist direkt gegenüber.«
Langsam ging ich die steilen Treppen hinauf. Als ich das Zimmer, in das meine Sachen gebracht worden waren, gefunden hatte, war der Mann in der grauen Jacke schon verschwunden. War er mein Vater? Nein, das konnte ich nicht glauben. Wenn er es gewesen wäre, dann hätte ich ihn sicher wiedererkannt, sicherlich würde ich mich an ihn erinnern, wenn ich ihn wiedersehen würde. Ich zog ein Nachthemd aus meinem Koffer, schlüpfte hinein und kroch in mein Bett. Nach kurzer Zeit erschien die Frau und brachte das Glas Milch. Mit einem säuerlichen Ausdruck inspizierte sie meine Koffer und sagte:
»Die werde ich morgen wohl alle auspacken müssen, vermute ich.«
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, knipste sie das Licht aus, ging hinaus und schloss die Tür. Das Bett war kalt, und ich lag zusammengerollt, ohne mich zu bewegen, ich hatte Angst, meine Beine in die eisige Kälte auszustrecken. Da ich im Flugzeug so viel geschlafen hatte, war ich nun hellwach. Ich wünschte so sehr, noch ein paar Decken zu haben und eine Wärmflasche, aber ich wagte nicht hinunterzugehen und die Frau darum zu bitten. Nach und nach fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Und es war in dieser langen, kalten, schlimmen Nacht, dass ich den Traum zum ersten Mal hatte, diesen schrecklichen Traum, der sich wiederholen und mich für die nächsten zehn Jahre heimsuchen sollte. Bei diesem ersten Mal hatte ich noch nicht die geringste Erinnerung an das, was ich geträumt hatte, als ich erwachte. Ich wusste nur, dass er unvorstellbar schrecklich war. Es dauerte sogar einige Jahre, bis ich mich dunkel an einige Bilder erinnerte. Jedes Mal, wenn er wiederkam, und das geschah in Abständen von drei bis sechs Monaten und manchmal weniger, ergriff mich nacktes Entsetzen, und dann in meinem Schlaf erinnerte ich mich und wartete hilflos auf seinen gewöhnlichen Ablauf bis zu dem schrecklichen Ende. Dann verschwand er wieder aus meinem Gedächtnis, aber am Morgen erwachte ich in verzweifelter Angst, mein Herz schlug wild, und mein Mund war wie ausgetrocknet von meinen stummen Schreien. Dann wusste ich, ich hatte wieder diesen Traum geträumt, aber fast alle Spuren der Erinnerung waren verschwunden. Das war wohl der wesentliche Grund dafür, warum ich so erfüllt war mit Grauen, dass ich mich nicht erinnern konnte, dass alles sozusagen hinter einem Vorhang verborgen war. Ich glaube, wenn ich mich hätte erinnern und dann am hellen Tag alles in Ruhe, mit Vernunft hätte analysieren können, dann wäre der Traum nur noch halb so schlimm gewesen. Aber alles, woran ich mich damals erinnern konnte, war ein Gesicht, das immer wieder in der Dunkelheit auftauchte, ein schreckliches Gesicht, das auf unerklärliche Weise hin und her schwang, mir entgegen...
Bald kannte ich das Gesicht so gut wie mein eigenes im Spiegel. Unter Tausenden von Gesichtern hätte ich es wiedererkannt. Kinder lieben Geheimnisse. Heute weiß ich, dass es sehr dumm von mir war, niemandem etwas davon zu erzählen, aber ich schämte mich zutiefst, dass ich diesen Traum hatte, sicherlich hatte niemand anderer ein solches Problem. Es kam mir vor wie eine Krankheit, ungefähr als ob ich verrückt wäre oder ein Krüppel. Nicht um alles in der Welt hätte ich darüber gesprochen, ich dachte nach Möglichkeit überhaupt nicht daran. Damals versuchte ich zu hoffen, dass, wenn ich älter würde, wenn ich eines Tages dieses geheimnisvolle Stadium des Erwachsenseins erreicht haben würde, ich mich daran gewöhnt haben und es mir egal sein würde. Aber stattdessen wurde es immer schlimmer. Die Abstände wurden zwar größer, aber der Traum selbst wurde immer länger, heftiger und noch viel schrecklicher, bis...
Aber das war viel später. An dem Tag nach dieser ersten düsteren Nacht in dem großen Haus, das mir Angst einflößte, traf ich George. Ich wachte gegen fünf Uhr auf, zitternd vor Kälte und dieser furchtbaren Angst, die mir von dem Traum geblieben war. Dann spürte ich eine dunkle, tiefe Traurigkeit, die jetzt wie auch später jedes Mal auf meinen Traum folgte und den ganzen Tag andauerte. Ich konnte nicht wieder einschlafen. So kroch ich langsam aus dem Bett und zog mich an. Bald darauf hörte ich den Straßenlärm. Ein Milchwagen ratterte die Straße herunter und hielt schließlich vor dem Haus. Als ich aus dem Fenster schaute, kam die Frau, die mich abgeholt hatte, aus der Haustür und rief dem Fahrer etwas zu, offensichtlich verlangte sie mehr Milch.
»Morgen, Missis! Dann ist sie also gekommen, nicht wahr?« Das Gesicht des Milchmanns zeigte große Neugier. »Wie sieht sie denn aus? So wie ihre Mutter?«
Ich konnte nicht hören, was Milly antwortete, aber wie sie die Schultern zuckte, als sie die Milchflaschen in Empfang nahm, ließ ihre Meinung deutlich werden.
Zwanzig Minuten später wurde ich nach unten gerufen, um zu frühstücken. Die anderen beiden Mitglieder des Haushalts hatten schon gefrühstückt. Ich musste mich überwinden, die Cornflakes mit Milch in dem ungeheizten Esszimmer, in dem ich ganz alleine war, zu essen. Aus dem Fenster sah man in einen kleinen Garten.

Als ich fertig war, half ich Milly, meine Koffer auszupacken und die Sachen in einen Schrank zu legen.
»Hast du denn überhaupt keine Wintersachen?«, fragte sie missbilligend.
»Die waren mir alle zu klein - Ich bin seit letzten Winter so gewachsen.«
»Also, zur Schule heute trägst du am besten das. Das scheint mir das Wärmste zu sein, was du hast. Beeil dich beim Umziehen, wir sind spät dran. Arthur wird dir dann den Weg zeigen.«
»Schule? Gehe ich hier zur Schule?« Ich erschrak. Ich glaube, dass ich schon daran gedacht hatte, auch in England zur Schule gehen zu müssen, aber ich hatte nicht erwartet, dass es so bald sein würde.
»Ja, was dachtest du denn? Dein Vater will, dass du gleich mit der Schule anfängst. Es ist jedenfalls besser, als wenn du den ganzen Tag nur hier im Haus herumstrolchst. Also mach schnell und zieh dich jetzt um.«
Da sie von meinem Vater und von Arthur sprach, konnte ich annehmen, dass es sich um zwei verschiedene Personen handeln musste, und gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und stellte die Frage, die mich während der letzten zwölf Stunden am meisten beschäftigt hatte:
»Wo, wo ist mein Vater?«
Ungeduldig, so als fände sie es absolut unnötig, mir eine Antwort zu geben, sagte sie: »Er ist weg. In Edinburgh.«
Sie drehte sich um und ging. »Wann kommt er denn wieder?«
»Erst in einer Woche.«
»Macht er Ferien?«
»Du meine Güte, dieses Kind. Nein - er ist auf einem Ärztekongress in Edinburgh. Mehr weiß ich auch nicht, und nun hör auf, Fragen zu stellen. Ich muss dir noch dein Schulbrot machen.«
»Dann ist mein Vater also ein Arzt?«
Sie sah mich an, als sei ich geisteskrank, öffnete den Mund, schloss ihn wieder und sagte schließlich:
»Ja. Du hast fünf Minuten Zeit, dann musst du unten sein.«
Ich hörte sie mit kurzen Schritten die Treppe hinuntergehen.

Ich kann mich noch an fast jede Minute dieses ersten langen Morgens in der neuen Schule erinnern und kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals in meinem Leben einen unglücklicheren Tag verleben werde. Die meisten anderen Mädchen in meiner Klasse waren sicher nicht absichtlich so hässlich zu mir, glaube ich, aber - ich hatte schließlich vier Jahre in Amerika gelebt - alles an mir war ihnen fremd, und sie machten sich über alles lustig, von meinen Kleidern bis zu meinem amerikanischen Akzent. Sie kicherten und machten dumme Bemerkungen.
»Huh, guck mal, Brenda, diese komischen Schuhe!«
»Ich fall gleich in Ohnmacht - Galoschen!«
»Ich trau meinen Augen nicht! Sieh mal den Matrosenkragen!«
Für mich schienen meine Kleider völlig in Ordnung zu sein, aber offenbar war alles falsch an ihnen. Und auch das, was ich bisher in der Schule gelernt hatte, stimmte auf einmal nicht mehr. Ich gebrauchte die falschen Ausdrücke, weil in Amerika manche Dinge eben anders heißen; ich hatte nicht die richtigen Bleistifte oder Lineale oder was immer; ich hatte keine Ahnung von der englischen Währung, und am Ende der Unterrichtsstunden kam ich mir vor wie ein Idiot.

Um das Maß voll zu machen, ließ mich die Direktorin vor dem Mittagessen zu sich rufen, um mir freundlich, aber bestimmt zu sagen, dass es ihr lieber wäre, wenn ich den anderen Mädchen nicht erzählen würde, dass meine Mutter eine berühmte Filmschauspielerin war.
»Das hab ich doch nicht..., das wollte ich nicht...«, war alles, was ich herausbrachte. Allein der Gedanke, mit meiner Mutter anzugeben, ausgerechnet jetzt, verursachte mir Schrecken und Übelkeit.
»Natürlich würdest du das jetzt noch nicht tun, Liebes.
Die anderen Lehrer und ich sind voller Mitgefühl für diesen tragischen Verlust. Aber versuch, Klatschereien unter den anderen Mitschülerinnen zu vermeiden - und für dich wäre es sicher das Beste, glaube ich, wenn keine Geschichten über Hollywood und Filme und so weiter kursieren. Versuch einfach, diesen Abschnitt deines Lebens zu vergessen.«
Meine Mutter vergessen? Die Direktorin meinte es sicher nur gut, aber ihre Worte klangen herzlos, und die Erinnerung an das, was ich verloren hatte, brachte mich zum Weinen, denn verständlicherweise war ich in jenen Tagen noch sehr leicht aus der Fassung zu bringen. Als ich in den Speisesaal kam, bemerkte das Mädchen, das Brenda hieß, meine Tränen und sagte besonders laut: »Schluchz, schluchz, was hat denn unsere kleine Miss Bermuda?«
Ich setzte mich in eine Ecke und beugte mich über meinen Teller. Um mich herum schwatzte, lachte und klapperte alles, und ich wäre am liebsten unsichtbar geworden. Schließlich war dieser schreckliche Tag zu Ende. Der humpelnde Arthur erschien und brachte mich schlurfend nach Hause, was meine Klassenkameradinnen nur umso mehr belustigte.
»Wirst ja wohl von jetzt an alleine den Weg finden«, bemerkte er, während wir langsam die Straße entlanggingen. Als wir zu Hause ankamen, sagte er: »Im Esszimmer ist der Tee für dich serviert.« Dann humpelte er die Kellerstufen hinunter.
Ich sehnte mich danach, mit jemandem sprechen zu können, und überlegte für einen kurzen Moment, ob ich ihm folgen sollte. Zögernd ging ich ein paar Stufen hinunter, als ich plötzlich jemanden den Namen meiner Mutter nennen hörte.
»...sie war eben so, wie sie sein musste«, fuhr die Stimme fort. »Was kannst du auch anderes von einer Schauspielerin erwarten? Die sind doch alle gleich. Schlimm genug, dass Dr. Frazer sie überhaupt geheiratet hat. Und es würde mich gar nicht wundern, wenn die Kleine mal genauso wird. Dieselbe Haarfarbe - sie hat überhaupt nichts von ihrem Vater. Ich wette, die wird uns bald an der Nase herumführen, wenn sie keine strenge Hand zu spüren bekommt. Die Kleider, die das Mädchen hat! Passen eher zu einem Königskind als zu einem Schulmädchen. Kein einziges warmes Teil dabei. Alles kleine Fetzen - sogar ein Bikini! Schamlos nenn ich das!«
Ein Stuhl wurde zurückgeschoben, und ich floh leise und schnell die Treppen hinauf ins Esszimmer, wo für mich allein gedeckt war. Ich hatte ziemlichen Hunger, denn beim Mittagessen in der Schule hatte ich keinen Bissen hinuntergekriegt, aber der Anblick des einzelnen Tellers, des Sandwiches und der Tasse Tee auf diesem großen Tisch bedrückten mich unsagbar. Eine Glastür führte auf eine schmiedeeiserne Treppe hinaus, und darunter lag der Garten. Eine gelbe, blasse Sonne kam hervor, darum nahm ich den Teller und den Tee und setzte mich auf die Treppenstufen. Aber mir war immer noch ganz schlecht, und ich konnte nichts essen. Ich stellte den Teller und die Tasse neben mich und legte den Kopf auf die Knie.
Ich konnte nichts dafür, aber die Einsamkeit hüllte mich ein, ich bekam Heimweh, hier war mir alles fremd und dazu noch diese unfreundliche Atmosphäre in diesem Haus - ich versuchte, die Tränen zurückzuhalten, aber es gelang mir nicht. Ich weinte. Und dann hörte ich plötzlich eine Kinderstimme, die von irgendwo über mir kam.
»George! George, schau doch mal, da ist jemand im Nachbargarten. Meinst du, das könnte sie...«
Eine Jungenstimme sagte etwas, was ich nicht verstehen konnte, aber das Mädchen redete weiter.
»Sie sieht älter aus als ich - ungefähr so alt wie du.
Soll ich sie mal ansprechen? Es ist mir ganz egal, was du sagst, ich rede mal mit ihr. Glaubst du, sie wird jetzt für immer hier wohnen? Sie sieht ganz schön traurig aus, George, ich glaube, sie weint!«
»Scht! Polly, warte...«
Aber die Warnung war umsonst, denn ich hörte ein scharrendes Geräusch und blickte auf. Ein kleines Mädchen kletterte gerade vom Dach eines Schuppens, der am Gartenzaun stand, herunter zu mir. Sie schien einige Jahre jünger zu sein als ich, hatte hübsche blonde Locken und große blaue Augen. Sie kam die Treppen herauf, setzte sich neben mich und umarmte mich so, als ob wir uns schon lange kennen würden.
»Bist du ganz allein, du Arme? Brauchst jetzt nicht mehr traurig zu sein, wir können ja mit dir spielen. Ich heiße Polly Barnard, und das ist mein Bruder George. Er sitzt da oben auf dem Dach. Ist Dr. Frazer dein Vater? Dachte ich mir. Wirst du jetzt immer hier wohnen bleiben? London ist doch furchtbar, nicht wahr? Wir sind auch noch nicht lange hier - wir haben vorher in Afrika gelebt. Wie heißt du? Meg?
Hübscher Name.«
Ihre Fragen kamen so schnell, dass ich sie gar nicht alle beantworten konnte. Auf dem Dach des Schuppens stand ein Junge, der ungefähr dreizehn Jahre alt war. Er hatte die gleichen blonden Haare und blauen Augen wie Polly. Er nickte mir etwas schüchtern zu.
»Komm runter, George!«, rief Polly. »Sie hat nichts dagegen, dass wir in ihrem Garten sind, stimmt doch? Sie freut sich, dass wir mit ihr spielen können! Nicht wahr? Wie alt bist du? Ich bin sieben, George ist zwölf. Ich gehe hier in die Grundschule und George aufs Gymnasium. Glaubst du, es könnte dir hier gefallen? Wir wohnen hier bei unserer Tante. Unsere Eltern sind immer noch in Afrika.«
George stieg langsam zu uns herunter und lächelte mich schüchtern an. Er sah wirklich sehr gut aus, er war der hübscheste Junge, den ich jemals gesehen hatte. Er und Polly mit ihren goldblonden Haaren und ihren blauen Augen waren ein solcher Gegensatz zu dem, was ich bisher an diesem Tag erlebt hatte, dass meine Niedergeschlagenheit verflog und ich die beiden sofort in mein Herz schloss.
»Ich finde«, sagte George und schaute sich dabei in dem Garten um, »das ist kein besonders schöner Garten. Hier ist ja fast gar keine Wiese. Warum kommst du nicht in unseren Garten, da könnten wir Kricket spielen. Kannst du das?«
»Baseball kann ich, aber Kricket...«, sagte ich zweifelnd.
»Na, komm schon.«
»Ja, komm mit«, sagte Polly, »dann zeig ich dir mal mein Puppengeschirr.«
Ich zögerte, aber sie drückte aufmunternd meinen Arm, und ich konnte nicht widerstehen.



Bewegung und Gesundheit. www.die-praevention.de

Weiterführende Informationen

Foto: Jörg Pilawa

ARD-Moderator Jörg Pilawa:

"Jeder Mensch kann einen Beitrag zu seinem eigenen Wohlbefinden leisten. Bewegung hängt unmittelbar mit körperlicher und seelischer Gesundheit zusammen. Ich unterstütze deshalb die Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums, weil 3.000 Schritte extra jeden Tag wirklich für jeden machbar sind und es auch noch Spaß macht."


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