Peter Braun: "Von Taugenichts bis Steppenwolf - Eine etwas andere Literaturgeschichte"
Frage: An welches Buch aus meiner Schulzeit erinnere ich mich? Antwort: An keines. Nicht ein einziges. Was ich weiß ist, ich kaufte mir mein erstes Buch an dem Tag an dem ich die Schule verlassen, eine Lehre begonnen hatte. Hermann Hesse „Unterm Rad“. Die Geschichte des Hans Giebenrath, der in der Schule scheitert und eine Lehre beginnt, die er nicht aushält. Er ertrinkt. Selbstmord wird vermutet. Nichts schilderte besser, was ich empfand. Seitdem lese ich. Zuerst weiter Hermann Hesse „Das Glasperlenspiel“, dann „Der Steppenwolf“. Dann Bertolt Brecht. Mein erstes gebundenes Buch war Miguel de Cervantes unvergleichlicher „Don Quijote“. Danach kam Robert Musil „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“. Dann Grimmelshausen, „Der abenteuerliche Simplicius Simplicissimus Teutsch“ und immer mehr und noch mehr. Niemand brachte mir zu lesen bei. Keiner empfahl mir ein Buch. Ich las völlig wahllos die schlauesten Bücher, den übelsten Schund. An all das erinnere ich mich noch sehr genau. Doch warum erinnere ich mich nicht an die Bücher meiner Schulzeit? Ich nehme an, Goethe wurde gelesen, bestimmt Schiller, Gedichte von Mörike. Wer weiß? Vielleicht würde ich mich ihrer entsinnen, wären mir etwa zugleich mit Goethes Geschichte einer unglücklichen Liebe, „Die Leiden des jungen Werther“, erzählt worden, dass Goethe aus dem Haus geworfen wurde, als er einer schon Verlobten gar zu sehr nachstieg. Vielleicht hätte ich Schiller vergnüglich gefunden, wenn ich geahnt hätte, dass Ludwig Tieck vor Lachen vom Stuhl fiel, als er „Die Glocke“ las und dass selbst Schiller sein eigenes „Lied an die Freude“ nachher peinlich war. Oder Mörike „Der Feuerreiter“ oder „Die Geister am Mummelsee“. Jahre später las ich die Gedichte gern. Aber damals wohl kaum. Wäre das anders gewesen, hätte ich gewusst, dass Pfarrer Mörike dauernd vorgab krank zu sein, sich ständig beurlauben lies, nur um nicht arbeiten zu müssen, und dass seine Pfarraufsicht ihn ein faules Luder nannte? Vermutlich ja. Er wäre mir näher gewesen. Das aber hat mir keiner gesagt. Warum eigentlich nicht? Vielleicht deshalb: Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane oder Thomas Mann wurden auf einen Sockel gestellt. So weit oben, so weit weg, kaum noch sichtbar in schwindelnder Höhe, verehrt, beinahe angebetet. Und so standen sie denn mit des Dichters Lorbeerkranz in Erz gegossen, starr und blutleer, kein Flecken durfte die blank gewienerten Denkmäler beschmutzen. Bloß nichts Schlechtes über die schreibenden Helden. Doch leider, sie waren keine Helden. Die meisten waren dem Hunger näher als dem Ruhm. Viele verzweifelten in Einsamkeit oder Krankheit. E. T. A. Hoffmann war ein Trinker, Georg Trakl war rauschgiftsüchtig, Hans Fallada war auf Morphium und schoss auf seine Frau. Und Goethes Stimme gab den Ausschlag zur Hinrichtung einer Kindsmörderin, obwohl er das Elend des Gretchens, die im Faust ihr Kind umbringt, so mitfühlend schilderte. Muss das verschwiegen werden? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Hofmanns „Sandmann“ oder Falladas „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ sind ausgezeichnete Geschichten. Denn keiner muss ein keimfrei guter Mensch sein, um ein gutes Buch zu schreiben. Und oft werden Bücher noch weit spannender durch das Wissen um die Lebensgeschichten derer, die sie schrieben. Le singe, der Affe. Gotthold Ephraim Lessing
Im Jahr 1770 hatte der französische König Ludwig XVI. Marie Antoinette geheiratet. Ludwig van Beethoven war geboren, der Spiralbohrer erfunden worden. 1770 war Gotthold Ephraim Lessing dem Angebot des Herzogs von Braunschweig gefolgt, dessen so berühmte wie umfangreiche Bücherei zu verwalten, die in Wolfenbüttel stand. Ein Fehler, denn seitdem schimpfte Lessing vor sich hin und fluchte auf den Herzog. Lessing wollte mit dem vereinbarten Lohn seine üppigen Schulden bezahlen. Doch sein Geld kam nur schleppend, da der Herzog keines hatte. Dessen Geliebten, die Feste, Musik, Theater, das gute Leben waren teuer und weil der Herzog prasste, führte Lessing ein kümmerliches Leben. Der Hof in Braunschweig aber wusste, dass Lessing schreiben konnte und bedrängte ihn, ein Theaterstück zu bringen. Doch als am 13. März 1772 seine Emilia Galotti auf die Braunschweiger Bühne kam, gab Lessing vor, Zahnschmerzen zu haben, um nicht dabei zu sein. Denn das Stück um Fürstenwillkür und höfische Verschlagenheit war ein Skandal. Ein Prinz begehrt darin die bürgerliche Emilia Galotti, die einen anderen heiraten will. Der Prinz lässt sie entführen, ihr Bräutigam wird ermordet. Die Gräfin Orsina, die Verstoßene des Prinzen, durchschaut ihn. Sie will sich an ihm rächen und verrät Emilias Vater das Komplott. Um der drohenden Schande zu entgehen, zwingt Emilia ihren Vater, sie zu töten. Vorhang zu. Doch ein Prinz als Mörder, eine Bürgerliche, die lieber stirbt, als sich einem Fürsten zu fügen, war ein starkes Stück, mit dem Lessing ein gefährliches Spiel trieb. „Hunger, Schmach, öffentliche Schande erwarten den, der es wagt, frei von der Brust zu schreiben“, so Christian Friedrich Daniel Schubart, der für seine Schreibangriffe gegen den Adel auf Befehl des Herzogs von Württemberg entführt und ohne Urteil zehn Jahre in der Feste Hohenasperg bei Stuttgart weggeschlossen wurde. Doch Lessing war streitbar in einer streitbaren Zeit. Die Bürger murrten über die fürstliche Verschwendungssucht, die sie zu bezahlen hatten, aber noch mussten sie gehorchen. Noch. Denn der letzte große Aufstand von Freiheit und Recht lag zwar mehr als zwei Jahrhunderte zurück und die Bauernkriege waren damals blutigst beendet worden. Aber die Gedanken von einst waren nicht zu erschlagen gewesen.
Ein wenig Geschichte. Seit Jahrhunderten war das tägliche Leben von der Wiege bis zur Bahre vom christlichen Glauben geprägt. Die Kirche bestimmte durch die Auslegung der Bibel, was richtig und was falsch war. Und die Bibel war in Latein geschrieben, das nur von wenigen verstanden wurde. Luthers Übertragung der Bibel ins Deutsche aber hatte entscheidend dazu beigetragen, eine für alle verständliche deutsche Sprache zu schaffen. Die Bibel war damit nicht länger ein Geheimwissen, das bis dahin nur dem Adel, der Kirche und den wenigen Gelehrten vorbehalten war. Aus dem in der Messe gesprochenen unverständlichen Hokuspokus „hoc est enim corpus meum“ wurde „Dies ist mein Leib“. Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern ermöglichte die massenweise Verbreitung der übersetzen Bibel. Wandelnde Mönche, Prediger und niedrige Geistliche brachten Gottes Wort auf Deutsch unter die Leute, die nicht lesen konnten. Fragen wurden laut. War der Gekreuzigte nicht für alle gestorben? War Jesus nicht arm? Wozu der Prunk der Kirche? Wo in der Bibel stand, der Weg zum Himmel führt über die Kirche und nur über die Kirche? War das Seelenheil durch Geld zu erkaufen?
Der nach Martin Luther benannte lutherische Glaube trat an, die Macht der alleinseligmachenden Kirche und ihres weltlichen Arms, des Adels, herauszufordern. Der Ruf nach Freiheit erschallte und die seit jeher unterdrückten Bauern griffen für ihre Befreiung aus Leibeigenschaft und Knechtschaft zu Sense, Hacke und Mistgabel. Die Bauernkriege entzündeten ein Lauffeuer, das Europa in Brand steckte. Als die Flammen mehr als ein Jahrhundert später, am Ende des 30-jährigen Krieges 1648, verloschen waren, hatten die Gräuel, die Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen in „Der abenteuerliche Simplicius Simplicissimus Teutsch“ beschrieb, Feldzüge und Hexenwahn, Seuchen, Folter und Hunger Deutschland verwüstet. Deutschland war das Schlachtfeld der europäischen Länder gewesen, auf dem der neue lutherische Glaube mit dem alten katholischen Glauben um die Macht in Europa gekämpft hatte. Der Sieger des Schlachtens hieß Frankreich. Und Frankreich war König Ludwig XIV. „L’etat c’est moi“, der Staat bin ich. Des Königs prachtvolle Hofhaltung wurde zum Vorbild. Das Barockschloss in Versailles, Mode, Tanz, Musik, verschwenderische Feste. Jeder noch so unbedeutende Fürst ahmte „le roi soleil“ den Sonnenkönig nach. Ob nun Geld da war oder nicht. Das Volk hatte dafür gerade zu stehen, ansonsten zu schweigen. Doch Frankreichs gelehrte Bürger begannen sich zu wehren. Ein offener Angriff war allerdings nicht möglich. Die Armee, Spitzel, Steuereintreiber, Hochadel und König waren zu mächtig. Aufstände wurden erbarmungslos niedergeschlagen. Der Kerker drohte bei geringsten Verfehlungen. Weil aber das Wort mächtiger ist als das Schwert, wählten französische Gelehrte eine schlaue Waffe. Sie weigerten sich, den christlichen Glauben noch länger als einzige Richtschnur des menschlichen Handelns anzuerkennen. Bildung, Wissen, Vernunft, Verstand, Erkenntnis standen für sie über dem Glauben. Die Geburtsstunde der Aufklärung schlug. Licht gelangte ins Dunkel von Glaube und Aberglaube. Da blinder Glaubenseifer zu einem der blutigsten Kriege geführt hatte, wurde das christlich geprägte mittelalterliche Weltbild endgültig in Frage gestellt und damit zugleich die Macht des Adels. War die Herrschaft der Könige gottgegeben oder von Menschen geschaffen? Wurde ihr Gottesgnadentum von Gott geschützt oder durch die Schwerter der Fürsten? Den Glauben angreifen hieß, die Adelsherrschaft zu erschüttern. Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann? Die Vernunft weichte den sturen Glauben auf. Nicht mehr er allein zählte, sondern was der Verstand als richtig anerkennt. Und damit der Mensch die Wahrheit erkennen kann, muss er mit Wissen und Bildung aufgeklärt werden. Nur so lässt er sich nicht mehr bevormunden und vermag selbst zu beurteilen, was gut, was böse ist. Eine bessere Gesellschaft sollte entstehen, in der alle frei, wohl versorgt und gerecht leben, nicht bloß der Adel.
Die Vernunft begann auch in Deutschland den Glauben zu ersetzen, denn Frankreich gab nicht nur in Mode und Schlossbauten den Ton an. Das Französische löste das Lateinische als Sprache der Gebildeten ab. Und mit der neuen Sprache kam das neue Denken. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant schrieb: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Doch wie die Menschen aufklären? Die Allerwenigsten konnten lesen und schreiben. Eine Möglichkeit, das Theater. Wo jedem mit gespielten Geschichten leicht vor Augen geführt werden konnte, was gut und böse bedeutet. Das Theater machte daher in Deutschland schon bald Politik mit seinen Mitteln. Und die Beseitigung der Alleinherrschaft des Adels fand in drei Schritten zuerst auf der Bühne statt.
Und damit wieder zum Schreiben. Der erste Schritt: Johann Christoph Gottsched und das französische Theater. Wandernde Schauspieltruppen spielten gediegen an fürstlichen Höfen und reißerisch auf Marktplätzen oder in Sälen, die sie mieteten. Die Schauspieler zeigten meist Mord- und Totschlag und mitten hinein wurden Belustigungen gegeben. Seiltänzer, Taschenspieler, Zauberer, Tierbändiger traten auf und die beliebte Figur des Harlekins hielt die Zuschauer derb und schlüpfrig bei Laune. Gegen dieses sogenannte Pöbeltheater trat Gottsched hauptsächlich an. Er hatte genug von denen, wie er schrieb, „schwülstigen, mit Kasperein durchsetzten Stücken, den unnatürlichen Romanstreichen und Liebesverwirrungen, den Fratzen und Zoten“. Um die hehren Ziele der Aufklärung auch in Deutschland zu erreichen, forderte Gottsched in Leipzig, dass auf allen Bühnen nur beispielhafte Leben dargestellt werden, die den Menschen belehren, wie er sich zu verhalten hat. Gottsched wollte die Zuschauer zum Guten erziehen und um die Gedanken der Aufklärung angenehm, einfach und verständlich unter die Leute zu bringen, beharrte er auf dem alterhergebrachten Bühnengesetz, der Einheit von Ort, Zeit und Handlung, das niemanden überforderte. Ein Stück musste an einem einzigen Ort, an höchstens einem Tag und ohne Nebenhandlung spielen. Die Handlung selbst musste eine wahrscheinliche Begebenheit zeigen, damit sie für den Verstand nachvollziehbar ist. Gottsched glaubte, das französische Theater habe all das erfolgreich vorgemacht. Dessen Stücke müssten nur nachgeahmt werden, dann würde sich die Aufklärung auch in Deutschland verbreiten. Gottsched hatte Glück. Denn für seine Auffassung, dass Theater erfreuen und zugleich nützlich sein sollte, fand er in der Theaterunternehmerin Friederike Caroline Neuber eine Mitstreiterin. Sie verbannte als erste Figur den Hanswurst von ihrer Leipziger Bühne und öffnete ihr Haus für das französische Schauspiel, das Pierre Corneille im Trauerspiel und Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, im Lustspiel zur Blüte gebracht hatten.
Insbesondere das französische Trauerspiel unterlag neben der Einheit von Ort, Zeit, Handlung weiteren Regeln. Die Anzahl der Akte war auf fünf festgelegt, die Helden der Stücke waren wohlgeboren, die Sprache salbungsvoll, feierlich gereimt. Die Handlung entstammte meist der römischen Geschichte oder dem römischen und griechischen Götterhimmel. Die Kostüme waren prächtig, die Bewegungen der Schauspieler geziert und die Helden, die sie darstellten, opferten sich uneigennützig für König und Vaterland, weil ihr Verstand, ganz im Sinne der frühen Aufklärung, höchst vernünftig über alle niederen Leidenschaften siegte, zu denen auch die Liebe zählte. Das war vorbildlich heldenhaft, aber auf die Dauer eher fad. Da Gottsched dieses königstreue Adelsgehabe mitsamt den dazugehörigen starren Regeln auf die Deutsche Bühne übertrug, regte sich im bürgerlichen Lager bald Widerstand gegen sein Belehrungstheater. Einer der schärfsten Widersacher wurde Gotthold Ephraim Lessing, der nicht glaubte, der Verstand allein werde den Menschen verändern. Er setzte auf Gefühle. Denn Gefühle hielt er für stärker als die Vernunft.
Der zweite Schritt: Gotthold Ephraim Lessing und das englische Theater. 1730 hatte Gottsched seine Regeln mit dem Versuch einer kritischen Dichtkunst für die Deutschen aufgeschrieben. Im Jahr zuvor war Lessing geboren worden. Er kam mit 17 nach Leipzig, um Religion zu studieren. Lessing hörte von Mathematik bis Chemie, von Medizin bis Sprachen alles, nur die Theologie langweilte ihn. Tanzen und Fechten schlugen ihn in ihren Bann, vor allem aber das Theater für das er seinen letzten Groschen ausgab. Er trieb sich zwischen den Kulissen herum und als sein Vater, ein Pfarrer mit wenig Geld, davon hörte, war der entsetzt. Er befahl ihn nach Hause. Die Mutter sei todkrank, lies er ausrichten, sie wolle ihn noch einmal sehen. Doch als Lessing im eiskalten Winter in der Kutsche zu ihnen reiste und halb erfroren ankam, war die Mutter reichlich gesund und weil die Eltern ein schlechtes Gewissen hatten, erlaubten sie ihm die Religionswissenschaften aufzugeben. Er durfte stattdessen Medizin studieren. Aber kaum zurück in Leipzig, hatte ihn das Theater wieder. Vor allem weil dort ein erster Erfolg auf ihn wartete. Die Truppe der „Neuberin“ führte eine Komödie Lessings auf. Als sie und ihre Schauspieler jedoch in Geldschwierigkeiten gerieten und deshalb nach Wien flohen, ließen sie Lessing mit ihren Schulden sitzen, für die er leichtsinnig gebürgt hatte. Lessing überlegte erst, ob er ihnen wegen einer blutjungen Bühnenschönheit hinterher sollte, dann aber stahl er sich vor den Gläubigern nach Berlin davon.
Berlin wurde die Bühne seines Aufstiegs. Abgerissen und abgebrannt traf er ein. Doch er wollte versuchen, nur noch vom Schreiben zu leben und was er schrieb, lies aufhorchen. Eine der von Frankreich vorgegebenen Regeln Gottscheds besagte, dass die Ständeklausel einzuhalten sei, die festlegte, dass in der hohen Kunst des Theaters, dem Drama, dem Trauerspiel, nur Fürsten oder Adlige dargestellt werden. In der niederen, der Komödie, dem Lustspiel hingegen, nur Bürgerliche oder Bauern. Lessing brach die Regel mit seinem Trauerspiel „Miss Sara Sampson“. Saras Vater, Sir William Sampson, gestattet Mellefont, bei dem er Schulden hat, Zutritt zu seinem Haus. Mellefont ist der eigenen Zügellosigkeit und seiner Geliebten Marwood überdrüssig. Mit Sara Sampson hofft er auf ein neues Leben. Er verführt und entführt sie, um sie zu heiraten. Die Marwood will ihn zurückgewinnen, doch als ihr dies misslingt, vergiftet sie Sara. Daraufhin ersticht sich Mellefont. Damit war „Miss Sara Sampson“ ein Trauerspiel. Aber eines, das sich nicht an einem Hof vollzog. Anders als Gottsched gefordert hatte, stellte Lessing im Trauerspiel die bürgerliche Welt der Welt des Adels gleich. Der Handschuh war geworfen. „Miss Sara Sampson“, das erste bürgerliche Trauerspiel, machte Lessing bekannt.
Nur, Schreiben allein brachte zu wenig ein. Lessing brauchte Geld. Er verabredete daher mit einem reichen Kaufmann, ihn als gelehrten Unterhalter auf eine Bildungsreise von drei Jahren zu begleiten. Die Reise endete freilich schon in Amsterdam. Denn 1756 war der siebenjährige Krieg zwischen Preußen und Österreich um das Reich in Schlesien ausgebrochen und der Kaufmann war aus Sorge um sein Geschäft nach Hause zurückgeeilt. Sieben Jahre dauerte der Krieg. Sieben Jahre klagte Lessing vor Gericht um das vereinbarte Reisegeld, von dem er am Ende die Hälfte erstritt. Kriegszeiten sind Notzeiten. Und weil Lessing sich durchschlagen musste, wurde er Schreiber eines Generals. Die eintönigen Feldlager aber ließen ihm die Freiheit zu schreiben und zu spielen. Das Glücksspiel war die zweite Leidenschaft seines Lebens. Er spielte und gewann. Spielte und verlor bis er schwitzte. Immerhin strich er oft so viel ein, dass er sich seltene und teure Bücher leisten konnte. Nachdem er fünf Jahre gedient hatte, verließ er die Armee und ging nach Berlin zurück. Doch er hatte die Zeit nicht nur für Lotterie und Karten genutzt, denn im Gepäck hatte er ein weiteres Stück: „Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück“. Das Lustspiel wurde jedoch nicht in Berlin, sondern in Hamburg aufgeführt, wo der Versuch unternommen wurde, das erste Deutsche Nationaltheater zu gründen. Seit dem Mittelalter war Deutschland in eine Unzahl von eigensüchtigen Herrschaftsgebieten mit je eigenen Gesetzen, eigenem Geld, eigenen Mundarten zersplittert. Deutschland galt damit als rückständig gegenüber Ländern wie England oder Frankreich, die ein einziges großes Gebiet unter einem Regenten waren. Den Aufklärern war das ein Dorn im Auge. Sie wollten die deutsche Kleinstädterei beseitigen und wenn keine einheitliche politische, so doch eine geistige Nation schaffen. Die Gründung eines Nationaltheaters sollte ein erster Schritt dorthin sein. Deutschland sollte wenigstens auf der Bühne das Gefühl gegeben werden, eine geschlossene und unabhängige Nation zu sein, um so den erstrebten Zusammenschluss der deutschen Länder vorwegzunehmen und zu fördern.
Zu diesem Zweck wollte das Hamburger Theater zuerst mit eigenständigen deutschen Stücken die Vorherrschaft des französischen Theaters auf der Bühne brechen. Dafür brauchte man Lessing. Denn der Vorschlag, sich endgültig vom adelsfreundlichen französischen Theater zu befreien und bürgerliches Theater zu machen, stammte zu einem Gutteil von ihm. Lessing schrieb in den von ihm selbst veröffentlichten Briefen die neueste Literatur betreffend: „Niemand wird leugnen, dass die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu verdanken habe. Ich bin dieser Niemand. Ich leugne es geradezu. Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte.“ Im Gegensatz zu Gottsched hielt Lessing nicht mehr das französische Theater für richtungweisend. Er zog das lebenspralle Theater des Engländers William Shakespeare vor, dessen Stücke an mehr als einem Ort, an mehr als einem Tag und mit mehr als einem geraden Handlungsstrang spielten. Lessing reiste also nach Hamburg, um Gottscheds rückwärts gewandtes Theater weiter zu bekämpfen. Und weil er froh war, endlich wieder ordentlich zu verdienen. Die teuren Bücher waren längst versilbert, knapp bei Kasse war er immer. Als er später heiratete, reichte sein Geld nicht einmal für einen neuen Hochzeitsanzug. Mit „Minna von Barnhelm“ aber brachte Lessing zu Ende, was er mit „Miss Sara Sampson“ begonnen hatte. Die endgültige Aufhebung der Ständeklausel. Minna von Barnhelm sucht und findet ihren Verlobten Major Tellheim, der nicht aus dem siebenjährigen Krieg zurückgekommen ist, zufällig in einem Berliner Gasthaus. Der zum Krüppel geschossene Tellheim hat sich verkrochen, weil er unschuldig der Bestechung angeklagt und unehrenhaft vom König entlassen worden ist. Tellheim will die Verlobung lösen, um Minna nicht ins Unglück zu stürzen. Minna greift zur List. Sie sei enterbt, weil sie zu ihm halte. Der redliche Tellheim borgt sich Geld, löst den Verlobungsring aus, den sie verpfändet hat, will Minna beistehen und heiraten. Weil Minna ihren Tellheim kennt, weigert sie sich nun ihrerseits ihn zu heiraten, um ihn desto sicherer zurückzugewinnen, denn je mehr sie sich weigert, desto mehr müht sich Tellheim. Eine Untersuchung seines Falls erweist seine Unschuld. Der König gewährt ihm Gnade. Minna hat ihren Tellheim wieder.
„Minna von Barnhelm“ ist ein Lustspiel und zugleich mehr als das. Tellheim, Minna, Diener und Dienerinnen sind keine hölzernen Komödienfiguren, sie führen kein vorbildliches Leben, sie sind Menschen aus Fleisch und Blut mit Sorgen, mit guten und schlechten Eigenheiten. Neu war außerdem, dass der erste Stand, der Adelsstand, seine eigene Sprache spricht und ebenso der dritte Stand, Bürger und einfache Leute. Der zweite Stand, die Geistlichkeit, kommt gar nicht erst vor. Denn er spielte für die Aufklärer kaum noch eine Rolle. Das eigentlich vertrackte an „Minna von Barnhelm“ aber war, dass Tellheim nicht Recht bekommt, sondern dass ihm Gnade erwiesen wird. Der König entscheidet nach Lust und Laune. Und der König war Friedrich der Große. Preußens König war französisch erzogen worden. Deutsch sprach und schrieb er nur schlecht. Bücher, Gelehrte oder Musik, Friedrich der Große zog in fast allem Frankreich vor. Er, der einst sagte, er wolle sich lieber von seinem Pferd etwas vorwiehern lassen, als einer deutschen Sängerin zuzuhören, nahm den Frankreich-freundlichen Gottsched noch einigermaßen hin. Lessing dagegen nannte er nur „le singe“, den Affen. „Minna von Barnhelm“ änderte das nicht gerade. Zu deutlich war die Anklage gegen sein willkürliches fürstliches Handeln und Lessing verschärfte die Anklage weiter. Er schrieb „Emilia Galotti“.
Hamburg war ein Fehlschlag. Bereits nach zwei Spielzeiten war Schluss. Noch beherrschte Frankreich die Szene und über den Weg zum eigenen deutschen Schauspiel wurde gestritten. Das Publikum seinerseits wollte lieber Gewohntes sehen und so scheiterte der Traum vom ersten Deutschen Nationaltheater. Lessing war immer mehr pleite. Und als ihn das Angebot des Braunschweiger Herzogs erreichte, in dessen Dienste zu treten, kam das Lessing gerade recht. Das vereinbarte Gehalt aber lies auf sich warten und „Emilia Galotti“ entstand daher auch, weil Lessings Verleger ihm einen ordentlichen Vorschuss versprochen hatte. Mit „Emilia Galotti“ jedoch, samt mörderischen Prinzen, Betrug und Verführung stand die adelige Verderbtheit krass vor aller Augen. Lessings Botschaft war einfach. Emilia Galotti hält der Fürstenverdorbenheit ihre Tugend entgegen und eher stirbt sie, als sie aufzugeben. Der tugendhafte ist der bessere Mensch. Und weil Emilia Galotti bürgerlich ist, ist der Bürger der bessere Mensch. Nur wer nach bürgerlichen Werten wie Bescheidenheit, Sparsamkeit, Fleiß, Sittsamkeit, Gelehrsamkeit und Tugend strebt, steht auf der Seite der Guten. Doch wie den Menschen dazu erziehen? Lessings Antwort war eine andere als Gottscheds. Nicht durch den Verstand allein, viel mehr durch Gefühle, besonders durch Furcht und Mitleid. Mitleid mit den Handelnden und Furcht davor, ein ähnliches Schicksal zu erleiden, würden die Gemüter so rühren, dass sie von schlechten Eigenschaften gereinigt werden. „Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter.“






