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Karl May: "Durch die Wüste"

Der Tote im Wadi Tarfaui

"Und ist es wirklich wahr, Sihdi , dass du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, der verächtlicher ist als ein Hund, widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frisst?"

"Ja."

"Sihdi, ich hasse die Ungläubigen und gönne es ihnen, dass sie nach ihrem Tode in die Dschehenna kommen, wo der Teufel wohnt; aber dich möchte ich retten vor dem ewigen Verderben, das dich ereilen wird, wenn du dich nicht zum Ikrâr bi’l-lisân, zum heiligen Zeugnis, bekennst. Du bist so gut, so ganz anders als die Herren, denen ich früher gedient habe, und darum werde ich dich bekehren, du magst wollen oder nicht."

So sprach Halef, mein Diener und Wegweiser, mit dem ich in den Schluchten und Klüften des Dschebel Aures herumgekrochen und dann nach dem Dra el Hauna hinuntergestiegen war, um über den Dschebel Tarfaui nach Seddada, Kris und Dgasche zu kommen, von wo aus ein Weg über den berüchtigten Schott el Dscherid nach Fetnassa und Kbilli führt.

Halef war ein eigentümliches Kerlchen. Er war so klein, dass er mir kaum bis unter die Arme reichte, und dabei so hager und dünn, dass man hätte behaupten mögen, er habe ein volles Jahrzehnt zwischen den Löschpapierblättern eines Herbariums gelegen. Dabei verschwand sein Gesichtchen vollständig unter einem Turban, der drei volle Fuß im Durchmesser hatte, und sein Burnus war jedenfalls für einen weit größeren Mann gefertigt worden, sodass er ihn, sobald er vom Pferd gestiegen war und nun gehen wollte, empor nehmen musste. Aber trotz dieser äußeren Unansehnlichkeit musste man allen Respekt vor ihm haben. Er besaß einen ungemeinen Scharfsinn, viel Mut und Gewandtheit und eine Ausdauer, die ihn die größten Beschwerden überwinden ließ. Und da er auch außerdem alle Dialekte sprach, die zwischen dem Wohnsitz der Uëlad Bu Seba und den Nilmündungen erklingen, so kann man sich denken, dass er meine volle Zufriedenheit besaß und dass ich ihn mehr als Freund denn als Diener behandelte.

Eine Eigenschaft hatte er allerdings, die mir zuweilen recht unbequem werden konnte: Er war ein fanatischer Muselman und hatte aus Liebe zu mir den Entschluss gefasst, mich zum Islam zu bekehren.

Eben jetzt hatte er wieder einen seiner fruchtlosen Versuche unternommen, und ich hätte lachen können, so komisch sah er dabei aus.

Ich ritt einen kleinen, halbwilden Berberhengst und meine Füße schleiften dabei fast am Boden; er aber hatte sich, um seine Figur zu unterstützen, eine alte, dürre, aber himmelhohe Hassi-Ferdschan-Stute ausgewählt und saß nun so hoch, dass er auf mich herabblicken konnte. Während der Unterhaltung war er äußerst lebhaft; er wedelte mit den bügellosen Beinen, gestikulierte mit den dünnen, braunen Ärmchen und versuchte, seinen Worten durch ein so lebhaftes Mienenspiel Nachdruck zu geben, dass ich alle Mühe hatte, ernst zu bleiben.

Als ich auf seine letzten Worte nicht antwortete, fuhr er fort:

"Weißt du, Sihdi, wie es den Giaurs nach ihrem Tode ergehen wird?"

"Nun?"

"Nach dem Tod kommen alle Menschen, sie mögen Moslemin, Christen, Juden oder etwas anderes sein, in den Barasch."

"Das ist der Zustand zwischen dem Tod und der Auferstehung?"

"Ja, Sihdi. Aus ihm werden sie alle mit dem Schall der Posaunen erweckt, denn el Jôm el achir, der Jüngste Tag, und el Achiret, das Ende, sind gekommen. Dann geht alles zu Grunde, außer el Kurs, dem Sessel Gottes, er Ruh, dem heiligen Geist, el Lauh el mafus und el Kalâm, der Tafel und der Feder der göttlichen Vorherbestimmung."

"Weiter wird nichts mehr bestehen?"

"Nein."

"Aber das Paradies und die Hölle?"

"Sihdi, du bist klug und weise; du merkst gleich, was ich vergessen habe, und daher ist es jammerschade, dass du ein verfluchter Giaur bleiben willst. Aber ich schwöre es bei meinem Bart, dass ich dich bekehren werde, du magst wollen oder nicht!"

Bei diesen Worten zog er seine Stirn in sechs drohende Falten, zupfte sich an den sieben Fasern seines Kinns, zerrte an den acht Spinnfäden rechts und an den neun Partikeln links von seiner Nase, alles in allem Bart genannt, schlenkerte die Beine unternehmend in die Höhe und fuhr mit der freien anderen Hand der Stute so kräftig in die Mähne, als sei sie der Teufel, dem ich entrissen werden sollte.

Das so grausam aus seinem Nachdenken gestörte Tier machte einen Versuch, vorn emporzusteigen, besann sich aber sofort auf die Ehrwürdigkeit seines Alters und ließ sich stolz in seinen Gleichmut zurückfallen. Halef aber setzte seine Rede fort:

"Ja, Dschennet, das Paradies, und Dschehenna, die Hölle, müssen auch mit bleiben, denn wohin sollten die Seligen und die Verdammten sonst kommen? Vorher aber müssen die Auferstandenen über die Brücke Ssiret, die über el Halâk, den Abgrund des Verderbens, führt und so schmal und scharf ist wie die Schneide eines gut geschliffenen Schwertes."

"Du hast noch etwas vergessen."

"Was?"

"Das Erscheinen des Deddschâl."

"Wahrhaftig! Sihdi, du kennst den Korân und alle heiligen Bücher und willst dich nicht zur wahren Lehre bekehren! Aber trage nur keine Sorge: Ich werde einen gläubigen Moslem aus dir machen! Also, vor dem Gericht wird sich der Deddschâl zeigen, den die Giaur den Antichrist nennen, nicht wahr, Sihdi?"

"Ja."

"Dann wird über jeden el Kitâb, das Buch, aufgeschlagen, in dem seine guten und bösen Taten verzeichnet stehen, und el Hisâb gehalten, die Musterung seiner Handlungen, die über fünfzigtausend Jahre währt, eine Zeit, die den Guten wie ein Augenblick vergehen, den Bösen aber wie eine Ewigkeit erscheinen wird. Das ist el Hukum, das Abwiegen aller menschlichen Taten."

"Und nachher?"

"Nachher folgt das Urteil. Die Menschen mit überwiegend guten Werken kommen in das Paradies, die ungläubigen Sünder aber in die Hölle, während die sündigen Moslemin nur auf kurze Zeit bestraft werden. Du siehst also, Sihdi, was deiner wartet, selbst wenn du mehr gute als böse Taten verrichtest. Aber du sollst gerettet werden, du sollst mit mir in das Dschennet, in das Paradies, kommen, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht!"

Und wieder strampelte er bei dieser Versicherung so energisch mit den Beinen, dass die alte Hassi-Ferdschan-Stute ganz verwundert nach ihm zu schielen suchte.

"Und was harrt meiner in eurer Hölle?", fragte ich ihn.

"In der Dschehenna brennt en Nar, das ewige Feuer; dort fließen Bäche, die so sehr stinken, dass der Verdammte trotz seines glühenden Durstes nicht aus ihnen trinken mag, und dort stehen fürchterliche Bäume, unter ihnen der schreckliche Baum Sakkum, auf dessen Zweigen Teufelsköpfe wachsen."

"Brrrrr!"

"Ja, Sihdi, es ist schauderhaft! Der Beherrscher der Dschehenna ist der Strafengel Thabek. Sie hat sieben Abteilungen, zu denen sieben Tore führen. Im Dschehennem, der ersten Abteilung, müssen die sündhaften Moslemin büßen, bis sie gereinigt sind; Ladha, die zweite Abteilung, ist für die Christen, Hothama, die dritte Abteilung, für die Juden, Sair, die vierte, für die Sabier, Sakâr, die fünfte, für die Magier und Feueranbeter, und Gehim, die sechste, für alle, die Götzen oder Fetische verehren. Zaoviat aber, die siebente Abteilung, die auch Derk Asfal genannt wird, ist die allertiefste und fürchterlichste; sie wird alle Heuchler aufnehmen. In allen diesen Abteilungen werden die Verdammten von bösen Geistern durch Feuerströme geschleppt, und dabei müssen sie vom Baum Sakkum die Teufelsköpfe essen, die dann ihre Eingeweide zerbeißen und zerfleischen. O Sihdi, bekehre dich zum Propheten, damit du nur kurze Zeit in der Dschehenna zu stecken brauchst!"

Ich schüttelte den Kopf und sagte:

"Dann komme ich in unsere Hölle, die ebenso entsetzlich ist wie die eurige."

"Glaube das nicht, Sihdi! Ich verspreche dir beim Propheten und bei allen Kalifen, dass du in das Paradies kommen wirst. Soll ich es dir beschreiben?"

"Tu es!"

"El Dschennet liegt über den sieben Himmeln und hat acht Tore. Zuerst kommst du an den großen Brunnen Hawus Kewser, aus dem hunderttausend Selige zugleich trinken können. Sein Wasser ist weißer als Milch, sein Geruch köstlicher als Moschus und Myrrha und an seinem Rand stehen Millionen goldener Trinkschalen, die mit Diamanten und Steinen besetzt sind. Dann kommst du an Orte, wo die Seligen auf golddurchwirkten Kissen ruhen. Sie erhalten von unsterblichen Jünglingen und ewig jungen Huri  köstliche Speisen und Getränke. Ihr Ohr wird ohne Aufhören von den Gesängen des Engels Israfil entzückt und von den Harmonien der Bäume, in denen Glocken hängen, die ein vom Thron Gottes gesendeter Wind bewegt. Jeder Selige ist sechzig Ellen lang und immerfort genau dreiunddreißig Jahre alt. Unter allen Bäumen aber ragt hervor et Tuba, der Baum der Glückseligkeit, dessen Stamm im Palast des großen Propheten steht und dessen Äste in die Wohnungen der Seligen reichen, wo an ihnen alles hängt, was zur Seligkeit erforderlich ist. Aus den Wurzeln des Baumes Tuba entspringen alle Flüsse des Paradieses, in denen Milch, Wein, Honig und Kaffee strömen."

Trotz der Sinnlichkeit dieser Vorstellung muss ich bemerken, dass Mohammed aus der christlichen Anschauung geschöpft und diese für sein Nomadenvolk umgemodelt hat. Halef blickte mich jetzt mit einem Gesicht an, in dem sehr deutlich die Erwartung zu lesen war, dass mich seine Beschreibung des Paradieses überwältigt haben werde.

"Nun, was meinst du jetzt?", fragte er, als ich schwieg.

"Ich will dir aufrichtig sagen, dass ich nicht sechzig Ellen lang werden mag; auch mag ich von den Huri nichts wissen, denn ich bin ein Feind aller Frauen und Mädchen."

"Warum?", fragte er ganz erstaunt.

"Weil der Prophet sagt: 'Des Weibes Stimme ist wie der Gesang der Bülbül , aber ihre Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter.‘ Hast du das noch nicht gelesen?"

"Ich habe es gelesen."

Er senkte den Kopf; ich hatte ihm mit den Worten seines eigenen Propheten geschlagen. Dann fragte er mit etwas weniger Zuversichtlichkeit:

"Ist nicht trotzdem unsere Seligkeit schön? Du brauchst ja keine Haura anzusehen!"

"Ich bleibe ein Christ!"

"Aber es ist nicht schwer zu sagen: La ilâha illa ’llâh we Mohammed rasûl Ullah!"

"Ist es schwerer, zu beten: Jâ abûna iledsi fi ’s semawâti, jata - kaddeso ’smoka?"

Er blickte mich zornig an.

"Ich weiß es wohl, dass Isa Ben Marjam, den ihr Jesus nennt, euch dieses Gebet gelehrt hat; ihr nennt es das Vaterunser. Du willst mich stets zu deinem Glauben bekehren, aber denke nur nicht daran, dass du mich zu einem Abtrünnigen vom Tauhîd, dem Glauben an Allah, machen wirst!"

Ich hatte schon mehrmals versucht, seinem Bekehrungsversuch den meinigen entgegenzustellen. Zwar war ich von der Fruchtlosigkeit vollständig überzeugt, aber es war das einzige Mittel, ihn zum Schweigen zu bringen. Das bewährte sich auch jetzt wieder.

"So lass mir meinen Glauben, wie ich dir den deinigen lasse!"

Er knurrte etwas vor sich hin und brummte dann:

"Aber ich werde dich dennoch bekehren, du magst wollen oder nicht. Was ich einmal will, das will ich, denn ich bin der Hadschi  Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!"

"So bist du also der Sohn von Abul Abbas, dem Sohn von Dawuhd al Gossarah?"

"Ja."

"Und beide waren Pilger?"

"Ja."

"Auch du bist ein Hadschi?"

"Ja."

"So wart ihr alle drei in Mekka und habt die heilige Kaaba gesehen?"

"Dawuhd al Gossarah nicht."

"Ah! Und dennoch nennst du ihn einen Hadschi?'

"Ja, denn er war einer. Er wohnte am Dschebel Schur-Schum und machte sich als Jüngling auf die Pilgerreise. Er kam glücklich über el Dschuf, das man den Leib der Wüste nennt; dann aber wurde er krank und musste am Brunnen Trasah zurückbleiben. Dort nahm er ein Weib und starb, nachdem er seinen Sohn Abul Abbas gesehen hatte. Ist er nicht ein Hadschi, ein Pilger, zu nennen?"

"Hm! Aber Abul Abbas war in Mekka?"

"Nein."

"Und auch er ist ein Hadschi?"

"Ja. Er trat die Pilgerfahrt an und kam bis in die Ebene Admar, wo er zurückbleiben musste."

"Warum?"

"Er erblickte da Amareh, die Perle von Dschunet, und liebte sie. Amareh wurde sein Weib und gebar ihm Halef Omar, den du hier neben dir siehst. Dann starb er. War er nicht ein Hadschi?"

"Hm! Aber du selbst warst in Mekka?"

"Nein."

"Und nennst dich dennoch einen Pilger!"

"Ja. Als meine Mutter tot war, begab ich mich auf die Pilgerschaft. Ich zog gen Aufgang und Niedergang der Sonne; ich ging nach Mittag und nach Mitternacht; ich lernte alle Oasen der Wüste und alle Orte Ägyptens kennen; ich war noch nicht in Mekka, aber ich werde noch dorthin kommen. Bin ich also nicht ein Hadschi?"

"Hm! Ich denke, nur wer in Mekka war, darf sich einen Hadschi nennen?"

"Eigentlich ja. Aber ich bin ja auf der Reise dorthin!"

"Möglich! Doch du wirst auch irgendwo eine schöne Jungfrau finden und bei ihr bleiben; deinem Sohn wird es ebenso gehen, denn dies scheint euer Kismet  zu sein, und dann wird nach hundert Jahren dein Urenkel sagen: 'Ich bin Hadschi Mustafa Ben Hadschi Ali Ibn Hadschi Sajd Ibn Hadschi Tofail Ibn Hadschi Halef Omar Ibn Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah‘, und keiner von all diesen sieben Pilgern wird Mekka gesehen haben und ein echter, wirklicher Hadschi geworden sein. Meinst du nicht?"

So ernst er sonst war, er musste doch über diese kleine Bosheit lachen. Es gibt unter den Mohammedanern sehr viele, die sich, besonders dem Fremden gegenüber, als Hadschi gebärden, ohne die Kaaba gesehen, den Lauf zwischen Szafa und Merua vollbracht zu haben, in Arafah gewesen und in Minah geschoren und rasiert worden zu sein. Mein guter Halef fühlte sich geschlagen, aber er nahm es mit guter Miene hin.

"Sihdi", fragte er kleinlaut, "wirst du es ausplaudern, dass ich noch nicht in Mekka war?"

"Ich werde nur dann davon sprechen, wenn du wieder anfängst, mich zum Islam zu bekehren; sonst aber werde ich schweigen. Doch schau, sind das nicht Spuren im Sand?"

Wir waren schon längst in das Wadi  Tarfaui eingebogen und jetzt an eine Stelle gekommen, wo der Wüstenwind den Flugsand über die hohen Felsenufer hinabgetrieben hatte. In diesem Sand war deutlich eine Fährte zu erkennen.

"Hier sind Leute geritten", meinte Halef unbekümmert.

"So werden wir absteigen, um die Spur zu untersuchen."

Er blickte mich fragend an.

"Sihdi, das ist überflüssig. Es ist genug, zu wissen, dass Leute hier geritten sind. Weshalb willst du die Hufspuren untersuchen?"

"Es ist stets gut, zu wissen, welche Leute man vor sich hat."

"Wenn du alle Spuren, die du findest, untersuchen willst, so wirst du unter zwei Monaten nicht nach Seddada kommen. Was gehen dich die Männer an, die vor uns sind?"

"Ich bin in fernen Ländern gewesen, wo es viel Wildnis gibt und wo sehr oft das Leben davon abhängt, dass man alle Durub und Asâr, alle Spuren und Fährten, genau betrachtet, um zu erfahren, ob man einem Freund oder einem Feind begegnet."

"Hier wirst du keinem Feind begegnen, Sihdi."

"Das kann man nicht wissen."

Ich stieg ab. Es waren die Fährten dreier Tiere zu bemerken, eines Kamels und zweier Pferde. Das erste war jedenfalls ein Reitkamel, wie ich an der Zierlichkeit seiner Hufeindrücke bemerkte. Bei genauer Betrachtung fiel mir eine Eigentümlichkeit der Spuren auf, die mich vermuten ließ, dass das eine der Pferde am 'Hahnentritt‘ leide. Dies musste meine Verwunderung erregen, da ich mich in einem Land befand, dessen Pferdereichtum zur Folge hat, dass man niemals Tiere reitet, die mit diesem Übel behaftet sind. Der Besitzer war entweder kein Araber oder ein sehr armer Mann.

Halef lächelte über die Sorgfalt, mit der ich den Sand untersuchte, und fragte, als ich mich wieder aufrichtete:

"Was hast du gesehen, Sihdi?"

"Es waren zwei Pferde und ein Kamel."

"Zwei Pferde und ein Dschemel! Allah segne deine Augen; ich habe ganz dasselbe gesehen, ohne dass ich von meinem Tier zu steigen brauchte. Du willst ein Alim  sein und tust doch Dinge, über die ein Hammar  lachen würde. Was hilft dir nun der Schatz des Wissens, den du hier gehoben hast?"

"Ich weiß zunächst, dass die drei Reiter vor ungefähr vier Stunden hier vorübergekommen sind."

"Wer gibt dir etwas für diese Weisheit? Ihr Männer aus dem Bilâd er Rum  seid sonderbare Leute!"

Er schnitt bei diesen Worten ein Gesicht, aus dem ich das tiefste Mitleid lesen konnte, doch zog ich es vor, schweigend unsern Weg fortzusetzen.

Wir folgten der Fährte wohl eine Stunde lang, bis wir da, wo das Wadi eine Krümmung machte und wir nun um die Ecke bogen, unwillkürlich unsere Pferde anhielten. Wir sahen drei Geier, die nicht weit vor uns hinter einer Sanddüne hockten und sich bei unserem Anblick mit heiseren Schreien in die Luft erhoben.

"El Büdsch ", meinte Halef. "Wo er ist, da gibt es ganz sicher ein Aas."

"Es wird dort irgendein Tier verendet sein", antwortete ich, während ich ihm folgte.

Er hatte sein Pferd rascher vorwärts getrieben, sodass ich hinter ihm zurückgeblieben war. Kaum hatte er die Düne erreicht, so hielt er mit einem Ruck still und stieß einen Ruf des Schreckens aus.

"Maschallah ! Was ist das? Ist das nicht ein Mensch, Sihdi, der hier liegt?"

Er hatte Recht. Es war wirklich ein Mann, an dessen Leichnam die Geier ihr schauderhaftes Mahl gehalten hatten. Schnell sprang ich vom Pferd und kniete bei ihm nieder. Seine Kleidung war von den Krallen der Vögel zerfetzt. Aber lange konnte dieser Unglückliche noch nicht tot sein, wie ich bei der Berührung sofort fühlte.

"Allah kerîm - Gott ist gnädig! Sihdi, ist dieser Mann eines natürlichen Todes gestorben?", fragte Halef.

"Nein. Siehst du nicht die Wunde am Hals und das Loch am Hinterkopf? Er ist ermordet worden."

"Allah verderbe den Menschen, der dies getan hat! Oder sollte der Tote im ehrlichen Kampf gefallen sein?"

"Was nennst du ehrlichen Kampf? Vielleicht ist er das Opfer einer Blutrache. Wir wollen seine Kleider untersuchen."

Halef half dabei. Wir fanden nicht das Geringste, bis mein Blick auf die Hand des Toten fiel. Ich bemerkte einen einfachen Goldreif von der gewöhnlichen Form der Trauringe und zog ihn ab. In seine innere Seite war klein, aber deutlich eingegraben: "E. P. juillet 1830."

"Was findest du?", fragte Halef.

"Dieser Mann ist kein Ibn Arab ."

"Was sonst?"

"Ein Franzose."

"Ein Franke, ein Christ? Woran willst du das erkennen?"

"Wenn ein Christ sich ein Weib nimmt, so tauschen beide je einen Ring ohne Stein, in dem der Name und der Tag eingegraben ist, an dem die Ehe geschlossen wurde."

"Und dies ist ein solcher Ring?"

"Ja."

"Aber woran erkennst du, dass dieser Tote zum Volk der Franken gehört? Er könnte doch ebenso von den Inglisi  oder den Nemsi  stammen, zu denen auch du gehörst."

"Es sind französische Zeichen, die ich hier lese."

"Er kann dennoch zu einem anderen Volk gehören. Meinst du nicht, Effendi, dass man einen Ring finden oder auch stehlen kann?"

"Das ist wahr. Aber sieh das Hemd, das er unter seiner Kleidung trägt. Es ist das eines Europäers."

"Wer hat ihn getötet?"

"Seine beiden Begleiter. Siehst du nicht, dass der Boden hier vom Kampf aufgewühlt ist? Bemerkst du nicht, dass..."

Ich hielt mitten im Satz inne. Ich hatte mich aus meiner knienden Stellung erhoben, um den Erdboden zu untersuchen, und fand nicht weit von der Stelle, an der der Tote lag, den Anfang einer breiten Blutspur, die sich seitwärts zwischen die Felsen zog. Ich folgte ihr mit schussbereitem Gewehr, da die Mörder sich leicht noch in der Nähe befinden konnten. Noch war ich nicht weit gegangen, so stieg mit lautem Flügelschlag ein Geier empor und ich bemerkte an dem Ort, von dem er sich erhoben hatte, ein Kamel. Es war tot, in seiner Brust klaffte eine tiefe, breite Wunde. Halef schlug die Hände ineinander.

"Ein graues Hedschîn, ein graues Tuareg-Hedschîn, und diese Mörder, diese Schurken, diese Hunde haben es getötet!"

Es war klar: Er bedauerte das prächtige Reittier viel mehr als den Franzosen. Als echter Sohn der Wüste, dem der geringste Gegenstand kostbar werden kann, bückte er sich nieder und untersuchte den Sattel des Kamels. Er fand nichts, die Taschen waren leer.

"Die Mörder haben bereits alles weggenommen, Sihdi. Mögen sie in alle Ewigkeit in der Dschehenna braten. Nichts, gar nichts haben sie zurückgelassen als das Kamel - und die Papiere, die dort im Sand liegen."

Durch diese Worte aufmerksam gemacht, bemerkte ich in einiger Entfernung von uns allerdings einige mit den Händen zusammengeballte und wohl als unnütz weggeworfene Papierstücke. Sie konnten mir vielleicht einen Anhaltspunkt bieten, und ich ging, um sie aufzuheben. Es waren mehrere Zeitungsbogen. Ich glättete die zusammengeknitterten Fetzen und passte sie genau aneinander. Ich hatte zwei Seiten der "Vigie algérienne" und ebenso viel vom "L’Indépendant" und der "Mahouna" in Händen. Das erste Blatt erschien in Algier, das zweite in Constantine und das dritte in Guelma. Trotz dieser örtlichen Verschiedenheit bemerkte ich bei näherer Prüfung eine mir auffällige Übereinstimmung bezüglich des Inhalts der drei Zeitungsfetzen: Sie enthielten nämlich alle drei einen Bericht über die Ermordung eines reichen französischen Kaufmanns in Blida. Des Mordes dringend verdächtigt war ein armenischer Händler, der die Flucht ergriffen hatte und steckbrieflich verfolgt wurde.

Aus welchem Grund hatte der Tote, dem das Kamel gehörte, diese Blätter bei sich geführt? Ging ihn der Fall persönlich etwas an? War er ein Verwandter des Kaufmanns in Blida, war er der Mörder oder war er ein Polizist, der die Spur des Verbrechers verfolgt hatte?

Ich nahm die Papiere an mich, wie ich auch den Ring an meinen Finger gesteckt hatte, und kehrte mit Halef zu der Leiche zurück. Über ihr schwebten beharrlich die Geier, die sich nun nach unserer Entfernung auf das Kamel niederließen.

"Was gedenkst du nun zu tun, Sihdi?", fragte Halef.

"Es bleibt uns nichts übrig, als den Mann zu begraben."

"Willst du ihn in die Erde scharren?"

"Nein, dazu fehlen uns die Werkzeuge. Wir errichten einen Steinhaufen über ihm, so wird kein Tier zu ihm gelangen können."

"Und du denkst wirklich, dass er ein Giaur ist?"

"Er ist ein Christ."

"Es ist möglich, dass du dich dennoch irrst, Sihdi; er kann trotzdem auch ein Rechtsgläubiger sein. Darum erlaube mir eine Bitte!"

"Welche?"

"Lass uns ihn so legen, dass er mit dem Gesicht nach Mekka blickt!"

"Ich habe nichts dagegen. Fass an!"

Es war ein trauriges Werk, das wir in der tiefen Einsamkeit vollendeten. Als der Steinhaufen, der den Unglücklichen bedeckte, so hoch war, dass er der Leiche vollständigen Schutz gegen die Tiere der Wüste gewährte, fügte ich noch so viel Geröll hinzu, dass er die Gestalt eines Kreuzes bekam, und faltete dann die Hände, um ein Gebet zu sprechen. Als ich damit geendet hatte, wandte Halef sein Auge gegen Morgen, um mit der hundertundzwölften Sure des Korâns zu beginnen:

"Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich. Der Mensch liebt das dahineilende Leben und lässt das zukünftige unbeachtet. Deine Abreise aber ist gekommen, und nun wirst du hingetrieben zu deinem Herrn, der dich auferwecken wird zum neuen Leben. Möge dann die Zahl deiner Sünden klein sein und die Zahl deiner guten Taten so groß wie der Sand, auf dem du einschliefst in der Wüste!"

Nach diesen Worten blickte er zuerst nach rechts, dann nach links und sprach: "Gott gebe ihm Frieden!" Schließlich bückte er sich nieder, um seine Hände, die er mit der Leiche verunreinigt hatte, mit dem Sand abzuwaschen.

"So, Sihdi, jetzt bin ich wieder tahir und darf wieder berühren, was rein und heilig ist. Was tun wir jetzt?"

"Wir eilen den Mördern nach, um sie einzuholen."

"Willst du sie töten?"

"Ich bin ihr Richter nicht. Ich werde mit ihnen sprechen und dann erfahren, warum sie ihn getötet haben. Dann weiß ich, was ich tun werde."

"Es können keine klugen Männer sein, sonst hätten sie nicht ein Hedschîn getötet, das wohl mehr wert ist als ihre Pferde."

"Das Hedschîn hätte sie vielleicht verraten. Hier siehst du ihre Spur. Vorwärts! Sie sind fünf Stunden vor uns; vielleicht treffen wir morgen auf sie, noch ehe sie Seddada erreichen."



Bewegung und Gesundheit. www.die-praevention.de

Weiterführende Informationen

Foto: Senta Berger

Senta Berger:

"Mehr Bewegung ist für die meisten Menschen sehr wichtig. Ich selbst habe manchmal Gelenkschmerzen und weiß, dass ebenso wie eine wirkungsvolle Schmerztherapie auch regelmäßige Bewegung für mich unerlässlich ist, denn nur so kann ich dauerhaft mobil bleiben. Am besten sind Gelenk schonende Sportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walking. Die Idee der '3.000 Schritte extra jeden Tag' kann ich nur allen Menschen weiterempfehlen, die unter Gelenkschmerzen leiden."


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