Pascal Mercier: "Nachtzug nach Lissabon - Der Aufbruch"
Der Tag, nach dem im Leben von Raimund Gregorius nichts mehr sein sollte wie zuvor, begann wie zahllose andere Tage. Er kam um Viertel vor acht von der Bundesterrasse und betrat die Kirchenfeldbrücke, die vom Stadtkern hinüber zum Gymnasium führt.
Gregorius blickte nach vorn zu den spitzen Türmen des Historischen Museums der Stadt Bern, hinauf zum Gurten und hinunter zur Aare mit ihrem gletschergrünen Wasser. Ein böiger Wind trieb tiefliegende Wolken über ihn hinweg, drehte seinen Schirm um und peitschte ihm den Regen ins Gesicht. Jetzt bemerkte er die Frau mitten auf der Brücke. Sie hatte die Ellbogen auf das Geländer gestützt und las im strömenden Regen, was wie ein Brief aussah. Als Gregorius näher kam, zerknüllte sie das Papier plötzlich, knetete es zu einer Kugel und warf die Kugel mit einer heftigen Bewegung in den Raum hinaus. Gregorius sah die Wut in ihrem bleichen, regennassen Gesicht, eine verbissene, nach innen gewandte Wut, die schon lange in ihr glimmen mußte. Jetzt stützte sich die Frau mit gestreckten Armen auf das Geländer, und ihre Fersen glitten aus den Schuhen. Gleich springt sie. Gregorius überließ den Schirm einem Windstoß, der ihn übers Brückengeländer hinaustrieb, warf seine Tasche voller Schulhefte zu Boden und stieß eine Reihe von lauten Flüchen aus, die nicht zu seinem gewohnten Wortschatz gehörten. Die Tasche ging auf, und die Hefte glitten auf den nassen Asphalt. Die Frau drehte sich um. Für einige Augenblicke sah sie reglos zu, wie die Hefte vom Wasser dunkler wurden. Dann zog sie einen Filzstift aus der Manteltasche, machte zwei Schritte, bückte sich zu Gregorius hinunter und schrieb ihm eine Folge von Zahlen auf die Stirn.
»Entschuldigen Sie«, sagte sie auf französisch, »aber ich darf diese Telefonnummer nicht vergessen und habe kein Papier bei mir.«
Jetzt blickte sie auf ihre Hände, als sähe sie sie zum erstenmal.
»Ich hätte natürlich auch...«, und nun schrieb sie, zwischen Gregorius’ Stirn und der Hand hin und her blickend, die Nummer auf den Handrücken. »Ich... ich wollte sie nicht behalten, ich wollte alles vergessen, aber als ich den Brief dann fallen sah... ich mußte sie festhalten.«
Der Regen auf den dicken Brillengläsern trübte Gregorius die Sicht, und er tastete ungeschickt nach den nassen Heften.
»Es ist eine Zumutung, ich weiß...«, und nun begann sie, Gregorius beim Aufsammeln der Hefte zu helfen.
»Vielen Dank«, sagte er, als sie sich gegenüberstanden. Der Regen prasselte auf ihr Haar und lief ihr übers Gesicht.
»Kann ich ein paar Schritte mit Ihnen gehen?«
»Äh... ja, sicher«, stotterte Gregorius.
Schweigend gingen sie zusammen bis zum Ende der Brücke und weiter in Richtung Schule. Das Zeitgefühl sagte Gregorius, daß es nach acht war und die erste Stunde bereits begonnen hatte. Wie weit war »ein paar Schritte«?
»Ich muß dort hinein, ins Gymnasium«, sagte er und blieb stehen. »Ich bin Lehrer.«
»Kann ich mitkommen?« fragte sie leise.
Gregorius zögerte und fuhr sich mit dem Ärmel über die nasse Brille. »Jedenfalls ist es dort trocken«, sagte er schließlich.
Sie gingen die Stufen hoch, Gregorius hielt ihr die Tür auf, und dann standen sie in der Halle, die besonders leer und still erschien, wenn die Stunden begonnen hatten. Ihre Mäntel tropften.
»Warten Sie hier«, sagte Gregorius und ging zur Toilette, um ein Handtuch zu holen.
Vor dem Spiegel trocknete er die Brille und wischte sich das Gesicht ab. Die Zahlen auf der Stirn waren noch immer zu erkennen. Er hielt einen Zipfel des Handtuchs unter das warme Wasser und wollte gerade zu reiben beginnen, als er mitten in der Bewegung innehielt. Das war der Augenblick, der alles entschied, dachte er, als er sich das Geschehen Stunden später in Erinnerung rief. Mit einemmal nämlich war ihm klar, daß er die Spur seiner Begegnung mit der rätselhaften Frau gar nicht auswischen wollte.
Er stellte sich vor, wie er nachher mit einer Telefonnummer im Gesicht vor die Klasse treten würde, er, Mundus, der verläßlichste und berechenbarste Mensch in diesem Gebäude und vermutlich in der gesamten Geschichte der Schule, seit mehr als dreißig Jahren hier tätig, ohne Fehl und Tadel in seinem Beruf, eine Säule der Institution, ein bißchen langweilig vielleicht, aber geachtet und sogar drüben an der Hochschule gefürchtet wegen seines stupenden Wissens in den alten Sprachen. Wenn ihr einen wahren Gelehrten sehen wollt, pflegte der Rektor zu sagen, wenn er ihn einer neuen Klasse vorstellte: Hier ist er.
Der Hausmeister betrat die Halle und warf, als er Gregorius sah, einen verwunderten Blick auf seine Armbanduhr. Gregorius nickte ihm zu, wie er es immer tat. Eine Schülerin hastete an ihnen vorbei, drehte sich im Lauf zweimal um und lief weiter.
»Ich unterrichte dort oben«, sagte Gregorius zu der Frau und zeigte durchs Fenster hinauf zu einem anderen Gebäudeteil. Er spürte seinen Herzschlag. »Wollen Sie mitkommen?«
Gregorius konnte später nicht glauben, daß er das wirklich gesagt hatte; aber es mußte wohl so gewesen sein, denn auf einmal gingen sie nebeneinander auf das Klassenzimmer zu, er hörte das Quietschen seiner Gummisohlen auf dem Linoleum und das Klacken der Stiefeletten, wenn die Frau den Fuß aufsetzte.
»Was ist Ihre Muttersprache?« hatte er sie vorhin gefragt.
»Português«, hatte sie geantwortet.
Er hatte schon die Hand auf der Klinke, da bat er sie, das Wort von vorhin noch einmal zu sagen. Sie wiederholte es, und da sah er sie zum erstenmal lächeln.
Das Schwatzen brach schlagartig ab, als sie das Klassenzimmer betraten. Eine Stille, die ein einziges Staunen war, füllte den Raum. Gregorius erinnerte sich später genau: Er hatte diese überraschte Stille, diese sprachlose Ungläubigkeit, die aus jedem einzelnen Gesicht sprach, genossen, und er hatte auch seine Freude darüber genossen, daß es ihm möglich war, auf eine Weise zu empfinden, die er sich nicht zugetraut hätte.
»Vielleicht dort?« sagte Gregorius zu der Frau und deutete auf den leeren Stuhl hinten in der Ecke. Dann ging er nach vorn, grüßte wie gewohnt und setzte sich hinters Pult. Er hatte keine Ahnung, was er zur Erklärung hätte sagen können, und so ließ er einfach den Text übersetzen, an dem sie gerade arbeiteten. Die Übersetzungen kamen zögernd, und er fing manch neugierigen Blick auf. Auch verwirrte Blicke gab es, denn er - er, Mundus, der jeden Fehler noch im Schlaf erkannte - ließ reihenweise Fehler, Halbheiten und Unbeholfenheiten durchgehen.
Es war eine unmögliche Situation. Da erhob sich die Frau und ging leise zur Tür. Im Türspalt drehte sie sich zu ihm um und legte den Finger an die Lippen. Er nickte, und lächelnd wiederholte sie die Geste. Dann fiel die Tür mit einem leisen Schnappen ins Schloß.
Konnte man, was in der nächsten Viertelstunde mit ihm geschah, eine Entscheidung nennen? Gregorius sollte sich die Frage später immer wieder stellen, und nie war er sicher. Doch wenn es keine Entscheidung war - was war es dann?
Es begann damit, daß er die Schüler auf einmal betrachtete, als sähe er sie zum ersten Mal.
Lucien von Graffenried, der beim alljährlichen Schachturnier in der Aula, bei dem Gregorius simultan gegen ein Dutzend Schüler spielte, eine Figur heimlich verrückt hatte. Nach den Zügen an den anderen Brettern hatte Gregorius wieder vor ihm gestanden. Er merkte es sofort. Ruhig sah er ihn an. Flammende Röte überzog Luciens Gesicht. »Das hast du doch nicht nötig«, sagte Gregorius, und dann sorgte er dafür, daß diese Partie Remis ausging.
Sarah Winter, die morgens um zwei vor seiner Wohnungstür gestanden hatte, weil sie nicht wußte, was sie mit ihrer Schwangerschaft machen sollte. Er hatte Tee gekocht und zugehört, sonst nichts. »Ich bin so froh, daß ich Ihrem Rat gefolgt bin«, sagte sie eine Woche später, »es wäre viel zu früh gewesen für ein Kind.«
Und natürlich Natalie Rubin. Ein Mädchen, das mit seiner Gunst geizte und ein bißchen war wie ein höfisches Fräulein aus vergangenen Jahrhunderten, unnahbar, umschwärmt und gefürchtet wegen ihrer spitzen Zunge. Vergangene Woche war sie nach dem Pausenzeichen aufgestanden, hatte sich gestreckt wie jemand, der sich in seinem Körper wohl fühlt, und hatte ein Bonbon aus der Rocktasche geholt. Auf dem Weg zur Tür packte sie es aus, und als sie an ihm vorbeikam, führte sie es zum Mund. Es hatte gerade die Lippen berührt, da brach sie die Bewegung ab, drehte sich zu ihm, hielt ihm das knallrote Bonbon hin und fragte: »Möchten Sie?« Belustigt über seine Verblüffung hatte sie ihr seltenes, helles Lachen gelacht und dafür gesorgt, daß ihre Hand die seine berührte.
Gregorius ging sie alle durch. Zuerst kam es ihm vor, als zöge er nur eine Zwischenbilanz seiner Gefühle für sie. In der Mitte der Bankreihen dann merkte er, daß er immer häufiger dachte: Wieviel Leben sie noch vor sich haben; wie offen ihre Zukunft noch ist; was noch alles mit ihnen passieren kann; was sie noch alles erleben können!
Português. Er hörte die Melodie und sah das Gesicht der Frau. Ein letztes Mal ließ er den Blick über die Köpfe der Schüler hinweggleiten. Dann erhob er sich langsam, ging zur Tür, wo er den feuchten Mantel vom Haken nahm, und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen, aus dem Zimmer.
Seine Aktentasche mit den Büchern, die ihn ein Leben lang begleitet hatten, war auf dem Pult zurückgeblieben. Wenn er jetzt ging, dann mußte er auch von diesen Büchern weggehen. Das spürte er mit großer Klarheit, selbst wenn er in diesem Augenblick, auf dem Weg zum Ausgang, keine Ahnung hatte, was das eigentlich hieß: weggehen.
Ohne sich umzudrehen, ging er bis zu einer Häuserecke, von der aus er ungesehen einen Blick zurückwerfen konnte. Mit einer plötzlichen Wucht, die er sich nicht zugetraut hätte, spürte er, wie sehr er dieses Gebäude und alles, wofür es stand, liebte und wie sehr er es vermissen würde. Er rechnete nach: Vor zweiundvierzig Jahren, als fünfzehnjähriger Gymnasiast, hatte er es zum erstenmal betreten, schwankend zwischen Vorfreude und Beklommenheit. Vier Jahre später hatte er es mit dem Maturitätszeugnis in der Hand verlassen, nur um weitere vier Jahre später wiederzukommen als Vertreter für den verunglückten Griechischlehrer, der ihm seinerzeit die antike Welt aufgeschlossen hatte. Aus dem studierenden Vertreter war ein immer weiterstudierender Dauervertreter geworden, der bereits dreiunddreißig war, als er schließlich sein Universitätsexamen machte.
Gemacht hatte er es nur, weil Florence, seine Frau, darauf gedrängt hatte. An eine Promotion hatte er nie gedacht; wenn man ihn danach fragte, lachte er nur. Auf solche Dinge kam
es nicht an. Worauf es ankam, war etwas ganz Einfaches: die alten Texte bis in jede Einzelheit, in jedes grammatische und stilistische Detail hinein zu kennen und zu wissen, was die Geschichte eines jeden Ausdrucks gewesen war. Mit anderen Worten: gut zu sein. Gregorius wandte sich um und ging langsam in Richtung Kirchenfeldbrücke. Als die Brücke in Sicht kam, hatte er das sonderbare, ebenso beunruhigende wie befreiende Gefühl, daß er im Begriff stand, sein Leben im Alter von siebenundfünfzig Jahren zum erstenmal ganz in die eigenen Hände zu nehmen.
An der Stelle, wo die Frau im strömenden Regen den Brief gelesen hatte, blieb er stehen und blickte nach unten. Hatte sie wirklich springen wollen? Außer daß sie Portugiesisch als Muttersprache hatte, wußte er von der Frau nicht das geringste.
Dann ging er bis zum Ende der Brücke, unsicher, wohin er sich danach wenden sollte. Er war dabei, aus seinem bisherigen Leben wegzulaufen. Konnte einer, der das vorhatte, einfach nach Hause gehen?
Es war viele Jahre her, daß er in der spanischen Buchhandlung drüben am Hirschengraben gewesen war. Früher hatte er dort ab und zu ein Buch für Florence abgeholt, das sie für ihre Dissertation über San Juan de la Cruz gebraucht hatte. Spanisch - das war ihr Territorium. Es war wie Latein und ganz anders als Latein, und das störte ihn. Es ging ihm gegen den Strich, daß Wörter, in denen das Lateinische so sehr gegenwärtig war, aus heutigen Mündern kamen - auf der Gasse, im Supermarkt, im Café. Er liebte die lateinischen Sätze, weil sie die Ruhe alles Vergangenen in sich trugen. Weil sie einen nicht zwangen, etwas dazu zu sagen. Weil sie Sprache jenseits des Geredes waren.
In der Buchhandlung roch es wunderbar nach altem Leder und Staub. Der Besitzer, ein älterer Mann mit einer legendären Kenntnis der romanischen Sprachen, war im hinteren Raum beschäftigt. Der vordere Raum war leer bis auf eine junge Frau, allem Anschein nach eine Studentin. Sie saß in einer Ecke neben einem Tisch und las in einem dünnen Buch mit vergilbtem Einband. Gregorius wäre lieber allein gewesen. Das Gefühl, daß er hier nur deshalb stand, weil ihm die Melodie eines portugiesischen Worts nicht aus dem Sinn ging, wäre ohne Zeugen leichter zu ertragen gewesen. Er ging die Regale entlang, ohne etwas zu sehen. Jetzt klappte die Studentin das Buch zu, strich mit der Hand darüber, und erst nachdem einige weitere Sekunden verronnen waren, legte sie das Buch auf den Tisch, so sanft und vorsichtig, als könnte es durch einen Stoß zu Staub zerfallen. Dann ging sie hinaus. Gregorius nahm das Buch in die Hand und las: amadeu inácio de almeida prado, um ourives das palavras, lisboa 1975.
Der Buchhändler war gekommen, warf jetzt einen Blick auf das Buch und sprach den Titel aus.
»Sprechen Sie Portugiesisch?«
Gregorius schüttelte den Kopf.
»Ein Goldschmied der Worte, heißt es. Ist das nicht ein schöner Titel?«
»Still und elegant. Wie mattes Silber.« Gregorius schlug das Buch auf und blätterte, bis der Text begann. Er reichte es dem Mann, der ihm einen verwunderten und wohlgefälligen Blick zuwarf und vorzulesen begann. Gregorius schloß beim Zuhören die Augen. Nach ein paar Sätzen hielt der Mann inne.
»Soll ich übersetzen?«
Gregorius nickte. Und dann hörte er Sätze, die in ihm eine betäubende Wirkung entfalteten, denn sie klangen, als seien sie allein für ihn geschrieben worden, und nicht nur für ihn, sondern für ihn an diesem Vormittag, der alles verändert hatte.
Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben. Wenn wir uns dann, als Archäologen der Seele, diesen Schätzen zuwenden, entdecken wir, wie verwirrend sie sind. Der Gegenstand der Betrachtung weigert sich stillzustehen, die Worte gleiten am Erlebten ab, und am Ende stehen lauter Widersprüche auf dem Papier. Lange Zeit habe ich geglaubt, das sei ein Mangel, etwas, das es zu überwinden gelte. Heute denke ich, daß es sich anders verhält: daß die Anerkennung der Verwirrung der Königsweg zum Verständnis dieser vertrauten und doch rätselhaften Erfahrungen ist. Das klingt sonderbar, ja eigentlich absonderlich, ich weiß. Aber seit ich die Sache so sehe, habe ich das Gefühl, das erstemal richtig wach und am Leben zu sein.
»Das ist die Einleitung«, sagte der Buchhändler und begann zu blättern. »Und nun, so scheint es, beginnt er, Abschnitt für Abschnitt nach all den verborgenen Erfahrungen zu graben. Sein eigener Archäologe zu sein. Es gibt Abschnitte von mehreren Seiten, und dann wieder ganz kurze. Hier zum Beispiel ist einer, der aus einem einzigen Satz besteht.« Er übersetzte:
Wenn es so ist, daß wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?
»Ich möchte das Buch haben«, sagte Gregorius.
Der Buchhändler klappte es zu und fuhr mit der Hand auf dieselbe zärtliche Weise über den Einband, wie es die Studentin vorhin getan hatte.
»Ich habe es letztes Jahr in einer Ramschkiste eines Antiquariats in Lissabon gefunden. « Er sah Gregorius an, der umständlich nach seiner Brieftasche tastete. »Ich schenke es Ihnen.«
Gregorius ging ins nächste Café, um das Buch näher zu betrachten.
Erst jetzt, da er langsam Seite für Seite umblätterte, entdeckte er das Portrait des Autors.
Der Mann mochte Anfang dreißig sein und strahlte eine Intelligenz, ein Selbstbewußtsein und eine Kühnheit aus, die Gregorius förmlich blendeten. Das helle Gesicht mit der hohen Stirn war überwölbt von üppigem dunklem Haar, das matt zu glänzen schien und, nach hinten gekämmt, wie ein Helm wirkte, aus dem seitlich in weichen Wellen Strähnen auf die Ohren fielen. Eine schmale, römische Nase gab dem Gesicht große Klarheit, unterstützt von kräftigen Augenbrauen, die gesetzt waren wie feste Balken, gemalt mit breitem Pinsel und nach außen hin früh abbrechend, so daß eine Konzentration zur Mitte hin entstand, dorthin, wo die Gedanken waren. Die vollen, geschwungenen Lippen, die im Gesicht einer Frau nicht überrascht hätten, waren eingefaßt von einem dünnen Lippenbärtchen und einem gestutzten Kinnbart, der durch den schwarzen Schatten, den er auf den schlanken Hals warf, bei Gregorius den Eindruck hinterließ, als müsse man auch mit einer gewissen Rauheit und Härte rechnen. Was jedoch alles entschied, waren die dunklen Augen. Sie waren von Schatten untermalt, doch waren es nicht Schatten der Müdigkeit, Erschöpfung oder Krankheit, sondern Schatten des Ernstes und der Melancholie. In seinem dunklen Blick mischte sich Sanftmut mit Unerschrockenheit und Unbeugsamkeit.
Draußen vor dem Café ging Lucien von Graffenried vorbei. Gregorius sah dem Jungen nach und dachte an die Bücher auf dem Lehrerpult. Er mußte warten, bis der Unterricht um zwei von neuem begonnen hatte. Dann erst konnte er in die Buchhandlung gehen, um einen portugiesischen Sprachkurs zu kaufen.
Kaum hatte Gregorius zu Hause die erste Platte aufgelegt und die ersten portugiesischen Sätze gehört, klingelte das Telefon. Die Schule. Das Klingeln wollte nicht aufhören. Er stand neben dem Apparat und probierte Sätze aus, die er sagen könnte. Seit heute vormittag spüre ich, daß ich aus meinem Leben noch etwas anderes machen möchte. Daß ich nicht mehr euer Mundus sein will. Ich habe keine Ahnung, was das Neue sein wird. Aber es duldet keinen Aufschub, nicht den geringsten. Meine Zeit nämlich verrinnt, und es könnte sein, daß nicht mehr viel davon übrig ist.
Dreimal hintereinander hörte er die erste Platte des Kurses, und langsam bekam er eine Ahnung vom Unterschied zwischen dem Geschriebenen und dem Gesprochenen. Sein untrügliches, anstrengungsloses Gedächtnis für Wortgebilde trat in Kraft.
An der Tür klingelte es. Auf Zehenspitzen ging Gregorius zum Plattenspieler und stellte ihn ab. Es waren junge Stimmen, Schülerstimmen, die draußen beratschlagten. Dann entfernten sich die Schritte im Treppenhaus.
Die Küche war der einzige Raum, der nach hinten hinausging und eine Jalousie hatte. Gregorius ließ sie herunter und machte Licht. Er holte das Buch des adligen Portugiesen und die Sprachbücher, setzte sich an den Eßtisch und begann, den ersten Text nach der Einleitung zu übersetzen. Es war wie Latein und ganz anders als Latein, und jetzt störte es ihn kein bißchen. Es war ein schwieriger Text, und es dauerte. Methodisch und mit der Ausdauer eines Marathonläufers suchte Gregorius die Wörter heraus und durchkämmte die Verbtabellen, bis er die undurchsichtigen Verbformen enträtselt hatte. Nach wenigen Sätzen erfaßte ihn fiebrige Erregung, und er holte Papier, um die Übersetzung aufzuschreiben. Es war fast neun Uhr, als er endlich zufrieden war:
Gregorius schlug das Bild von Amadeu de Prado auf und lehnte das Buch gegen die Tischlampe. Satz für Satz las er den übersetzten Text in den kühnen, melancholischen Blick hinein. Ein einziges Mal nur hatte er etwas Ähnliches getan: als er als Student Marc Aurels Selbstbetrachtungen gelesen hatte. Auf dem Tisch hatte eine Gipsbüste des Kaisers gestanden, und wenn er an dem Text arbeitete, war es gewesen, als tue er es im Schutze seiner stummen Anwesenheit. Doch zwischen damals und jetzt gab es einen Unterschied, den Gregorius immer deutlicher spürte, je weiter die Nacht fortschritt, ohne daß er ihn hätte in Worte fassen können. Nur das eine wußte er, als es auf zwei Uhr ging: Der Portugiese verlieh ihm mit der Schärfe seiner Wahrnehmung eine Wachheit und Genauigkeit des Empfindens, wie es nicht einmal der weise Kaiser vermocht hatte, dessen Reflexionen er verschlungen hatte.
worte in goldener stille. Wenn ich Zeitung lese, Radio höre oder im Café darauf achte, was die Leute sagen, empfinde ich immer öfter Überdruß, ja Ekel ob der immer gleichen Worte, die geschrieben und gesprochen werden - ob der immer gleichen Wendungen, Floskeln und Metaphern. Und am schlimmsten ist es, wenn ich mir selbst zuhöre und feststellen muß, daß auch ich die ewig gleichen Dinge sage. Sie sind so schrecklich verbraucht und verwohnt, diese Worte, abgenutzt von millionenfacher Verwendung. Haben sie überhaupt noch eine Bedeutung?
Natürlich, der Austausch der Wörter funktioniert, die Leute handeln danach, sie lachen und weinen, sie gehen nach links oder rechts, der Kellner bringt den Kaffee oder Tee. Doch das ist es nicht, was ich fragen will. Die Frage ist: Sind sie noch Ausdruck von Gedanken? Oder nur wirkungsvolle Lautgebilde, welche die Menschen dahin und dorthin treiben, weil die eingravierten Spuren des Geplappers unablässig aufleuchten?
Es kommt vor, daß ich dann an den Strand gehe und den Kopf weit hinaus in den Wind halte, den ich mir eisig wünschen würde, kälter, als wir ihn hierzulande kennen: Er möge all die abgegriffenen Worte, all die faden Sprechgewohnheiten aus mir hinausblasen, so daß ich zurückkommen könnte mit gereinigtem Geist, gereinigt von der Schlacke des immer gleichen Geredes.
Man kann die Sprache nicht neu erfinden. Doch was ist es dann, was ich möchte?
Vielleicht ist es so: Ich möchte die portugiesischen Worte neu setzen. Die Sätze, die aus dieser neuen Setzung entstünden, möchten nicht ausgefallen sein und verschroben, nicht exaltiert, manieriert und gewollt. Es müßten archetypische Sätze des Portugiesischen sein, die sein Zentrum ausmachten, so daß man das Gefühl hätte, sie entsprängen ohne Umweg und ohne Verunreinigung aus dem transparenten, diamantenen Wesen dieser Sprache. Es wären - stelle ich mir vor - zwingende Sätze, und auch unerbittlich könnte man sie nennen. Unbestechlich und unverrückbar stünden sie da, und darin glichen sie den Worten eines Gottes. Zugleich wären sie ohne Übertreibung und ohne jedes Pathos, genau und von einer Kargheit, daß man kein einziges Wort wegnehmen könnte und kein einziges Komma. Darin wären sie einem Gedicht vergleichbar, geflochten von einem Goldschmied der Worte.
Gregorius tat vor Hunger der Magen weh, und er zwang sich, etwas zu essen. Später saß er mit einer Tasse Tee im dunklen Wohnzimmer. Noch konnte er zurück. Um Viertel
vor acht würde er über die Kirchenfeldbrücke gehen, das Gymnasium betreten und seine rätselhafte Abwesenheit mit irgendeiner Geschichte aus der Welt schaffen. Sie würden nie etwas von der riesigen Distanz erfahren, die er im Inneren in weniger als vierundzwanzig Stunden zurückgelegt hatte.
Doch genau das war es: Er hatte sie zurückgelegt. Und er wollte sich von den anderen nicht zwingen lassen, diese stille Reise ungeschehen zu machen. Er holte eine Europakarte und überlegte, wie man mit der Eisenbahn nach Lissabon kam. Die Bahnauskunft, erfuhr er am Telefon, war erst ab sechs Uhr wieder besetzt. Er fing an zu packen.
Gegen fünf rief Gregorius Konstantin Doxiades an, seinen Augenarzt. Oft schon hatten sie mitten in der Nacht miteinander telefoniert, um das gemeinsame Leiden der Schlaflosigkeit zu teilen. »Ergibt keinen rechten Sinn, oder?« sagte Gregorius am Ende seiner stockenden Geschichte.
»Ergibt durchaus einen Sinn«, sagte der Grieche. »Durchaus.«
»Helfen Sie mir, wenn ich unterwegs nicht mehr weiterweiß?«
»Sie rufen einfach an. Tag oder Nacht. Vergessen Sie die Ersatzbrille nicht.«
Gregorius setzte sich an den Küchentisch und entwarf Briefe an den Rektor. Um sechs rief er bei der Bahnauskunft an. Von Genf aus war man sechsundzwanzig Stunden unterwegs. Es ging über Paris und Irún im Baskenland, und von dort mit dem Nachtzug nach Lissabon, wo man gegen elf Uhr morgens ankam. Gregorius bestellte die Fahrkarte. Der Zug nach Genf ging um halb acht.
Jetzt gelang ihm der Brief.
Sehr geehrter Herr Rektor, lieber Kollege Kägi,
Sie werden inzwischen erfahren haben, daß ich gestern ohne Erklärung aus dem Unterricht ging und nicht mehr zurückkehrte, und Sie werden auch wissen, daß ich unauffindbar blieb. Ich bin wohlauf, es ist mir nichts zugestoßen. Wohl aber habe ich im Laufe des gestrigen Tages eine Erfahrung gemacht, die vieles verändert hat. Sie ist zu persönlich und auch noch viel zu unübersichtlich, als daß ich sie jetzt zu Papier bringen könnte. Ich muß Sie einfach bitten, mein abruptes und unerklärtes Tun zu akzeptieren. Sie kennen mich, denke ich, gut genug, um zu wissen, daß es nicht aus Leichtsinn, Verantwortungslosigkeit oder Gleichgültigkeit geschieht. Ich begebe mich auf eine weite Reise, und es ist ganz offen, wann ich zurückkehre und in welchem Sinn.






