Raymond Queneau: "Zazie in der Metro" - Live
Mit Ulrich Matthes sowie Christian Mevs und Martin Fekl (Musik)
Bearbeitung: Vera Teichmann
© speak low 2006
1
Fonwostinktsnso, fragte sich Gabriel aufgebracht. Das gibts doch nicht, daß die Leute, die an der Gare d'Austerlitz warten, schlechter riechen als der Rest von Paris. Trotzdem, ein Gestank ist das. Gabriel zog aus seinem Ärmel ein malvenfarbenes, seidenes Ziertüchlein hervor und verstopfte sich damit den Zinken.
Wer stinkt denn da so? sagte eine ältere Frau laut.
Das, Mütterchen, antwortete Gabriel schlagfertig, das ist Bartuse, ein Parfüm von Fior.
Es dürfte nicht erlaubt sein, die Leute so anzustinken, fuhr die alte Schachtel fort, die überzeugt war von ihrem guten Recht.
Wenn ich recht verstehe, Mütterchen, so glaubst du wohl, daß dein natürlicher Duft den der Rosen aussticht. Aber du irrst dich, Mütterchen, du irrst dich.
Hast du das gehört? sagte die Frau zu einem kleinen Kerl neben ihr, wahrscheinlich der, der das Recht hatte, sie legal zu besteigen. Hast du gehört, wie respektlos er mich behandelt, dieses dicke Schwein?
Der kleine Kerl betrachtete sich Gabriels Figur und sagte sich, das ist ein Kraftmensch, aber die Kraftmenschen sind immer gutmütig, die nutzen ihre Kraft nicht aus, das wäre feige von ihnen. Großmäulig schrie er:
Du stinkst, du Gorilla.
Gabriel seufzte. Sich wieder mal auf die Gewalt berufen. Dieser Zwang war ihm zuwider. Seit der ersten Menschwerdung hatte das niemals aufgehört. Seine Schuld war es bestimmt nicht, wenn es immer die Schwächlinge waren, die die Leute anpöbelten. Trotzdem wollte er der Mücke eine Chance lassen.
Sag das noch mal, sagte Gabriel.
Ein wenig erstaunt, daß der Muskelprotz antwortete, nahm der kleine Kerl sich die Zeit, folgende Antwort auszuhecken:
Was noch mal sagen?
Gar nicht unzufrieden mit seiner Formel, der kleine Kerl. Bloß, der Kleiderschrank ließ nicht locker: er beugte sich vor, um diesen monophasierten Fünfsilber auszusprechen:
Wasdegradgsagthas ...
Der kleine Kerl bekams mit der Angst zu tun. Jetzt war es Zeit für ihn, der Augenblick war gekommen, sich irgendeinen Wortschild zu schmieden. Das erste, was er fand, war ein Alexandriner.
Ich habe Ihnen nie erlaubt, daß Sie mich duzen.
Hosenscheißer, entgegnete Gabriel schlicht und einfach. Und er hob den Arm, als wolle er seinem Gesprächspartner eine schmieren. Der bestand jedoch nicht darauf und ging von selbst zu Boden, zwischen die Beine der Leute. Zum Glück fährt gerade der Zug ein, und damit wechselt die Landschaft.
Gabriel sieht in die Ferne; sie sind bestimmt ganz hinten, die Frauen sind immer ganz hinten; aber nein, eine Göre taucht auf und spricht ihn an:
Chbin Zazie, chwette, daß du mein Onkel Gabriel bist.
Der bin ich, antwortet Gabriel und veredelt seinen Ton. Ja, ich bin dein Onkel.
Die Kleine lacht sich eins. Gabriel lächelt höflich, nimmt sie in die Arme, bringt sie in Höhe seiner Lippen, küßt sie, sie küßt ihn, stellt sie wieder ab.
Du riechst gar nicht übel, sagt das Kind.
Bartuse von Fior, erklärt der Koloß.
Machst du mir ein bißchen davon hinters Ohr?
Es ist ein Männerparfüm.
Da siehst du den Gegenstand, sagte Jeanne Lalochere, die endlich angetrudelt kam. Du hast dich ja um ihn bekümmern wollen, hier ist er. Dann treff ich euch übermorgen wieder hier, für den Zug um sechs Uhr sechzig.
Abfahrtgleis, sagt Gabriel.
Naturally, sagt Jeanne Lalochere, die von den Amis befreit worden war. Ach, was ich noch sagen wollte, wie gehts deiner Frau?
Danke der Nachfrage. Willst du uns nicht besuchen kommen?
Dazu werde ich keine Zeit haben.
So ist sie eben, wenn sie einen Scheich hat, sagt Zazie, die Familie zählt dann nicht mehr.
Gabriel zuckt die Achseln. Er schnappt Zazies Koffer.
Auf gehts, sagt er.
Und er keilt los, wobei er alles, was sich auf seiner Bahn befindet, nach rechts und links schleudert. Zazie galoppiert hinterher.
Onkel, schreit sie, nehmen wir die Metro?
Nein. Heute gehts nicht. 'S wird gestreikt.
Ach, diese Halunken, schreit Zazie, ach, diese Sauhunde. Mir das anzutun.
Das tun sie nicht nur dir an, sagt Gabriel vollkommen objektiv.
Das ist mir wurscht. Deshalb bin ich doch die Gelackmeierte. Dabei war ich so glücklich und so froh und alles, mal in der Metro rumzukutschen. Verfluchte Scheiße nochmal.
Du mußt dich damit abfinden, sagt Gabriel, dessen Worte manchmal die Färbung eines leicht kantianischen Thomismus aufwiesen. Und zur Kosubjektivität übergehend, fügte er hinzu:
Außerdem müssen wir uns sputen: Charles wartet.
Oh, den Witz kenn ich, rief Zazie wütend, den hab ich im letzten Witzblatt gelesen.
Aber nein, sagte Gabriel, aber nein. Charles isn Kumpel, und er hatn Taxi. Ich habs uns reserviert, sein Taxi, wegen dem Streik nämlich. Kapiert?
MUSIK
2
Da ist es, sagte Gabriel.
Zazie betrachtet das Haus. Sie teilt ihre Eindrücke nicht mit.
Ich, sagte Charles, geh mal bei Turandot vorbei, ich hab ihm was zu sagen.
Er steigt die fünf Stufen hinab, die vom Bürgersteig aus zum Restaurant La Cave führen, stößt die Tür auf und geht bis zum Büfett, das seit der Besatzung aus Holz ist.
Guten Tag, Monsieur Charles, sagte Mado Ptits-pieds, die gerade einen Gast bediente.
Guten Tag, Mado, anwortete Charles, ohne sie anzusehen.
Ist sie das? fragte Turandot. Sie ist größer, als ich dachte.
Na und?
Das gefällt mir nicht. Ich hab Gaby schon gesagt, keine Geschichten in meinem Haus.
Gib mir maln Beaujolais.
Turandot schenkt ihm schweigend ein. Charles zischt seinen Beaujolais, wischt sich mit dem Handrücken den Schnurrbart ab und sieht dann zerstreut nach draußen. Um dies zu tun, muß man den Kopf heben, und man sieht kaum mehr als Füße, Knöchel, Hosenumschläge und manchmal, wenn man Glück hat, einen ganzen Hund, einen Dackel. Neben dem Oberlicht hängt ein Käfig, der einen traurigen Papagei beherbergt. Turandot füllt Charles' Glas und gießt auch sich ein Schlückchen ein. Mado Ptits-pieds hatte sich neben den Wirt hinters Büfett gestellt und bricht das Schweigen.
Monsieur Charles, sagt sie, Sie sind ein Melancholiker.
Melancholiker am Arsch, entgegnet Charles.
Also wirklich, rief Mado Ptits-pieds, Sie sind heute nicht höflich.
Ich finde es lustig, sagte Charles mit finsterer Miene. So redet der Balg nämlich. Sie kann kein Wort sagen, diese Göre, ohne am Arsch dranzuhängen.
Und sie fügt den Worten die entsprechende Geste hinzu? fragte Turandot.
Noch nicht, antwortete Charles bedeutungsvoll, aber das wird noch kommen.
Nein, nein, wimmerte Turandot, nur das nicht. Scheiße nochmal, ich will nicht so ein kleines Miststück in meinem Haus, das solche Schweinereien sagt. Ich seh das schon kommen, sie wird das ganze Viertel verderben.
Sie bleibt nur zwei oder drei Tage, sagte Charles.
Viel zu lange! schrie Turandot. Zwei, drei Tage genügen, damit sie all den alten Knackern, die mich mit ihrer Kundschaft beehren, die Hand in den Hosenlatz steckt. Ich will keine Geschichten, hörst du, ich will keine Geschichten.
Der Papagei, der an einer seiner Krallen knabbert, senkt den Blick und, seine Toilette unterbrechend, mischt er sich in die Unterhaltung ein.
- Du quasselst, sagte Laverdure, du quasselst, das ist alles, was du kannst.
MUSIK
3
Zu Tisch, sagt Marceline sanft, als sie mit der Suppenschüssel hereinkommt. Zazie, ruft sie sanft, zu Tisch.
Sanft beginnt sie, Suppenlöffelinhalte in die Teller zu gießen.
Aha, sagt Gabriel zufrieden, Fleischbrühe.
Übertreib doch nicht so, sagt Marceline sanft.
Endlich kommt auch Zazie herbei. Sie stellt zu ihrem Verdruß fest, daß sie Hunger hat. Nach der Fleischbrühe gab es schwarze Blutwurst mit Majorankartoffeln und danach Leberpastete und dann eine ganz süße Süßspeise und dann in Tassen verteilten Kaffee, Kaffee, bikos Gabriel arbeitete des Nachts. Er machte die Beine unterm und sogar überm Tisch lang und lächelte Zazie an, die steif auf ihrem Stuhl saß.
Na, Kleine, sagte er, wird man jetzt schlafen gehn?
Wer denn »man«? fragte sie.
Du natürlich, antwortete Gabriel, der in die Falle ging. Um wieviel Uhr bist du denn zu Hause schlafen gegangen?
Hier und zu Hause sind doch zwei Paar Stiefel, hoffe ich.
Gabriel drehte sich nach Marceline um, die lächelte:
Siehst du, wie vernünftig so ne Kröte in dem Alter schon zu argumentieren versteht? Man fragt sich nur, warum es überhaupt nötig ist, sie in die Schule zu schicken.
Ich, erklärte Zazie, will bis fünfundsechzig in die Schule gehen.
Bis fünfundsechzig? wiederholte Gabriel etwas erstaunt.
Ja, sagte Zazie, ich will Lehrerin werden.
Das ist gar kein so schlechter Beruf, sagte Marceline sanft. Da gibts ne schöne Pension.
Pension am Arsch, sagte Zazie. Ich will nicht wegen der Pension Lehrerin werden.
Natürlich nicht, sagte Gabriel, das können wir uns schon denken.
Weshalb dann wohl? fragte Zazie.
Das wirst du uns jetzt erklären.
Um die Blagen zur Sau zu machen, antwortete Zazie. Die, die in zehn Jahren, in zwanzig Jahren, in fünfzig Jahren, in hundert Jahren, in tausend Jahren in meinem Alter sind, es wird immer Gören geben, die man piesacken kann.
Na ja, sagte Gabriel.
Ich werde sie ganz hundsgemein behandeln. Ich werde sie den Fußboden abschlecken lassen. Ich werde sie den Schwamm fressen lassen, der an der großen Tafel hängt. Ich werde ihnen den Zirkel in den Hintern stoßen. Ich werde ihnen den Stiefel in den Arsch treten. Denn ich werde Stiefel tragen. Im Winter. So hohe (Ge-bärde).
Weißt du, sagte Gabriel ruhig, nach dem, was die Zeitungen schreiben, geht die moderne Erziehung keineswegs in diese Richtung. Ganz im Gegenteil. Man ht den Weg der Milde, des Verstehens, der Güte. Nicht wahr, Marceline, das schreibt man doch in der Zeitung?
Ja, antwortete Marceline sanft. Aber dich, Zazie, hat man dich in der Schule mißhandelt?
Das hätte gerade noch gefehlt.
Außerdem, sagte Gabriel, in zwanzig Jahren wird es keine Lehrerinnen mehr geben: sie werden vom Kino, vom Fernsehen, von der Elektronik und solchem Zeug ersetzt werden. Das hat neulich auch in der Zeitung gestanden. Nicht wahr, Marceline?
Ja, antwortete Marceline sanft.
Zazie nahm diese Zukunft einen Augenblick lang in Augenschein.
Dann, erklärte sie, werde ich eben Weltraumfahrerin.
Ganz richtig, sagte Gabriel zustimmend. Man muß immer mit der Zeit gehen.
Ja, fuhr Zazie fort, ich werde Weltraumfahrerin, um die Marsbewohner zur Sau zu machen. Gabriel schlug sich begeistert auf die Schenkel.
Die hat Ideen, die Kleine.
Er war entzückt.
Ich bin müde, gähnte Zazie, ich werde schlafen gehen.
MUSIK
4
Am Morgen verlässt Zazie lautlos ihr Zimmer. Einen Fuß vor den andern setzend wie beim Blindekuhspielen, wenn man die Augen schließt, ist es noch lustiger, gelangt sie zu einer Tür, die sie mit beachtlicher Vorsicht öffnet. Zazie steht im Treppenhaus. Sie schließt ganz sachte die Tür hinter sich, dann geht sie ganz sachte hinunter. Schon ist sie im Erdgeschoß. Plötzlich kommt Turandot aus seiner Kneipe heraus, und von der untersten Stufe aus ruft er ihr zu:
He, Kleine, wo willst du denn hin?
Zazie schlägt den Laufschritt ein. Sie nimmt eine vorteilhafte Kurve. Sie hat ein schönes Tempo drauf. Aber auch Turandot galoppiert jetzt. Er flitzt sogar. Er holt sie ein, packt sie am Arm und ohne ein Wort zu sagen, zwingt er sie mit fester Hand zu einer Kehrtwendung. Zazie zögert nicht. Sie beginnt zu schreien:
Hilfe! Hilfe!
Dieser Schrei verfehlt nicht, die Aufmerksamkeit der anwesenden Hausfrauen und Bürger auf sich zu lenken. Sie lassen von ihren persönlichen Beschäftigungen oder Beschäftigungslosigkeiten ab, um sich für den Zwischenfall zu interessieren. Nach diesem ersten, recht befriedigenden Ergebnis legt Zazie von neuem los:
Ich will nicht mit diesem Herrn gehen, ich kenne diesen Herrn nicht, ich will nicht mit diesem Herrn gehen. Undsoweiter.
Turandot, der Lauterkeit seiner Sache sicher, beachtet dieses Gerede nicht.
Er sieht jedoch sehr schnell ein, daß dies ein Fehler war, denn er muß feststellen, daß er sich in einem Kreis strenger Moralisten befindet. Vor diesem auserlesenen Publikum geht Zazie von allgemeinen Betrachtungen zu speziellen, präzisen und den Umständen angemessenen Klagen über:
Dieser Herr hat schmutzige Dinge zu mir gesagt.
Was hat er denn zu dir gesagt? fragt eine Dame, die neugierig geworden ist.
Madame, schreit Turandot, dieses kleine Mädchen ist von zu Hause weggelaufen. Ich wollte sie ihren Eltern zurückbringen. Der Kreis hohnlacht mit schon fest verankerter Skepsis.
Die Dame läßt nicht locker; sie beugt sich zu Zazie herab.
Hat er von dir verlangt, daß du Dinge an ihm machen sollst?
Ganz richtig, Madame. Zazie flüstert der Dame einige Einzelheiten ins Ohr. Diese richtet sich wieder auf und spuckt Turandot ins Gesicht.
Saukerl, wirft sie ihm noch als Zugabe hin.
Ein Kerl erkundigt sich:
Was hat er denn von ihr gewollt?
Die Dame flüstert dem Kerl die zazischen Einzelheiten ins Ohr:
Oh! macht der Kerl, darauf bin ich noch nie gekommen. Er wendet sich an einen anderen Bürger:
Aber nein, hören Sie sich das nur mal an ... (Einzelheiten). Das ist unglaublich.
Es gibt doch wirklich ausgemachte Schweinehunde, sagt der andere Bürger.
Unterdessen verbreiten sich die Einzelheiten in der Menge. Eine Frau sagt:
Versteh ich nicht.
Ein Mann erklärt es ihr. Er zieht ein Stück Papier aus der Tasche und macht ihr mit einem Kugelschreiber eine Zeichnung.
Sehr schön, sagt die Frau träumerisch.
Eine Geschäftsfrau, die die Neugierde aus ihrer Butike getrieben hat, läßt sich zu einigen vertraulichen Mitteilungen hinreißen:
Ich rede aus eigener Erfahrung, weil, eines Tages kommt doch mein Mann auf die Idee ... (Einzelheiten). Ich frag Sie nur, wo er das aufgeschnappt hat. Auf jeden Fall habe ich, so wie ich dastehe, zu meinem Mann gesagt, du willst, hab ich zu ihm gesagt, daß? (Einzelheiten). Sittenstrolch, hab ich zu ihm gesagt, der wollte, daß ich... (Einzelheiten).
Man pflichtet ihr in der Runde bei.
Turandot hat nicht zugehört. Er macht sich keine Illusionen. Er nutzt das technische Interesse, das durch die Anklagen Zazies ausgelöst wurde, um sich heimlich aus dem Staub zu machen.
MUSIK
5
Die Kleine, sagt Turandot ganz außer Atem, die Kleine, die ist getürmt.
Marceline geht schnurstracks in Zazies Zimmer. Stimmt. Dasgörhatsichausdemstaubgemacht.
Sieh an, sagt Marceline sanft.
Ich hab sie gesehen, sagt Turandot, ich hab versucht, sie zu schnappen.
Marceline geht in Gabriels Zimmer, schüttelt ihn, er ist schwer, schwer zu bewegen, noch schwerer aufzuwecken, er schläft gern, er schnauft und bewegt sich, wenn er schläft, schläft er, und man bringt ihn nicht so ohne weiteres zu sich.
Was denn, was denn, schreit er schließlich.
Zazie ist ausgebüchst, sagt Marceline sanft.
Er sieht sie an. Er gibt keinen Kommentar. Er kapiert schnell, Gabriel. Er ist nicht blöde. Er steht auf. Er geht in Zazies Schlafzimmer hinüber. Er überzeugt sich gern selbst von den Dingen, Gabriel.
Vielleicht ist sie auf dem Weze eingesperrt, sagt er optimistisch.
Nein, sagt Marceline sanft, Turandot hat gesehen, wie sie getürmt ist.
Ja, aber die Kleine hat die Leute aufgehetzt, sie hat losgeplärrt, ich hätte unanständiges Zeug von ihr verlangt. Auf einmal stehn all die Leute um mich rum, die Arschlöcher hielten mich für einen Sittlichkeitsverbrecher.
Meinst du nicht, Gabriel, sagt Marceline sanft, daß du versuchen solltest, sie wieder zu finden?
Ich, sagt Gabriel, ich werde wieder schlafen gehen. Und er schlägt die Richtung zum Schlafsack ein.
Du würdest nur deine Pflicht tun, wenn du sie wieder zurückholst, sagt Turandot.
Gabriel bricht in ein Hohngelächter aus.
Pflicht am Arsch, erklärt er.
So geh schon, sagt Marceline sanft zu Gabriel.
Ihr fallt mir jetzt beide auf den Schlips, knurrt Gabriel.
Er geht hinaus. Draußen schnuppert er in den Wind. Er weiß nicht, ob er nach Norden oder nach Süden gehen soll, denn die Straße geht in diese beiden Richtungen. Ein Anruf enthebt ihn seines Zögerns. Es ist Gridoux, der Schuster, der ihn von seiner Schusterbude aus herbeiwinkt. Gabriel geht hin.
Ich wette, daß Sie das kleine Mädchen suchen. Ich weiß, wo sie hingegangen ist.
Sie wissen immer alles, sagt Gabriel, ziemlich schlecht gelaunt. Der da, sagt er sich mit seiner kleinen inneren Stimme, der weitet mir doch jedesmal, wenn ich mit ihm spreche, meine Komplexminderwertigkeit aus.
MUSIK
6
Zazie brauchte einige Zeit, bis sie bemerkte, daß ganz in ihrer Nähe ein auf dem Bürgersteig aufgestelltes Werk barocker Schmiedekunst die ergänzende Inschrift Metro trug. Sofort vergaß sie das Schauspiel der Straße und näherte sich, den Mund trocken vor Erregung, der Öffnung. Aber das Gitter war geschlossen. Eine herab-baumelnde Schiefertafel trug eine mit Kreide geschriebene Inschrift, die Zazie mühelos entzifferte. Der Streik dauerte an. Vom Schmerz überwältigt, begann Zazie zu weinen. Sie fand so großen Gefallen daran, daß sie sich auf eine Bank setzte, um dort komfortabler zu flennen. Nach kurzer Zeit wurde sie übrigens durch die Wahrnehmung einer nachbarlichen Gegenwart von ihrem Schmerz abgelenkt. Es wurden Worte erzeugt, die von einer männlichen Fistelstimme ausgestoßen wurden, und diese Worte bildeten den folgenden Fragesatz:
Na, mein Kind, haben wir großen Kummer?
Angesichts der stupiden Heuchelei dieser Frage verdoppelte Zazie das Volumen ihrer Tränen.
Ist es denn so schlimm? fragte man.
O ja, Monsieur.
Nun wars aber wirklich an der Zeit, sich mal die Fresse des Sittenstrolchs anzusehen. Zazie fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, wobei sie die Sturzbäche ihrer Tränen in schlammige Gräben verwandelte, und wandte sich dem Kerl zu. Sie wollte ihren Augen nicht recht trauen. Er war mit einem großen schwarzen Schnurrbart, einer Melone und breiten Latschen versehen. Das gibts doch nicht, sagte sich Zazie mit ihrer kleinen inneren Stimme, das gibts doch nicht, das ist ja ein Schmierenschauspieler, einer aus der alten Zeit.
Er machte eine Art liebenswürdige Grimasse und hielt dem Kind ein Taschentuch von erstaunlicher Reinheit hin. Nachdem Zazie es an sich genommen hatte, schmierte sie etwas von dem feuchten Dreck dran, der auf ihren Wangen stagnierte, und vervollständigte diese milde Gabe durch eine reichliche Menge Rotz.
Zazie gab ihm sein sehr feucht gewordenes Taschentuch zurück. Der andere zeigte kein Zeichen von Ekel, als er diesen Schmutz in seinen Hosensack zurücksteckte.
Hab keine Angst. Du kannst ruhig Vertrauen zu mir haben.
Warum? fragte Zazie stammelnd und tückisch.
Warum? fragte der Kerl aus der Fassung gebracht. Weil ich Kinder mag. Kleine Mädchen. Und kleine Jungens.
Sie sind ein alter Drecksack, das sind Sie.
Keineswegs, erklärte der Kerl mit einem Ungestüm, das Zazie in Erstaunen setzte.
Diesen Erfolg ausnützend, bot ihr der Herr an, ein Cacocalo für sie zu bestellen, dort, in der erstbesten Kneipe, was so viel hieß wie: am hellichten Tag, vor allen Leuten, ein sehr anständiges Angebot also. Zazie, die nicht zeigen wollte, wie sehr sie der Gedanke begeisterte, sich ein Cacocalo einzuverleiben, machte sich daran, ernsthaft die Menge in Augenschein zu nehmen, die auf der anderen Seite des Fahrdamms zwischen zwei Reihen Ständen in eine bestimmte Richtung gelenkt wurde.
Was treiben denn all diese Leute? fragte sie.
Die gehen zum Flohmarkt, sagte der Kerl, oder besser gesagt, der Flohmarkt kommt zu ihnen, denn er fängt dort an.
Ach, der Flohmarkt, sagte Zazie mit der Miene jemandes, der sich nicht beeindrucken lassen will, das ist dort, wo man ganz billig Rämbrans findet, die man dann einem Ami weiterverkauft und der Tag hat sich gelohnt.
Es gibt nicht nur Rämbrans dort, sagte der Kerl, es gibt auch Gesundheitssohlen, Lavendel, Nägel und sogar Jacken, die noch nicht getragen waren.
Gibts da auch Bludschins?
Da gibts nichts, was es nicht gibt. Auch Kompasse, die im Dunkeln funktionieren.
Die Kompasse sind mir wurscht, sagte Zazie. Aber die Bludschins (Schweigen).
Wir können ja mal hingehen, sagte der Kerl.
Zazie hatte ihr Cacocalo ausgetrunken. Sie sah den Kerl an und sagte zu ihm:
Ich merke schon, was Sie mit Ihrem Schmus im Sinn haben. Gehen wir?
Zazie zuckelt los. Der Kerl ist ihr hart auf den Fersen, er ist ebenso durchtrieben wie Zazie. Kein Zweifel, das ist ein Spezialist.
Sie bleibt jäh vor einem Ramschkundenlocker stehen. Sie rührt sich nicht mehr. Überhaupt nicht mehr. Der Kerl bremst hart, direkt hinter ihr. Der Händler knüpft ein Gespräch an.
Haben Sie an dem Kompaß Spaß? fragt er zuversichtlich. An der Taschenlampe? An dem Schlauchboot?
Zazie zittert vor Begierde und Angst, denn sie ist ganz und gar nicht sicher, ob der Kerl wirklich unsaubere Absichten hat. Sie wagt das zweisilbige und angelsächsische Wort nicht auszusprechen, das sagen würde, was sie sagen will. Der Kerl tut das.
Haben Sie keine Bludschins für die Kleine? fragt er den Verkäufer.
Und ob ich Bludschins habe, sagt der Flohhändler, das will ich meinen. Er breitet das Kleidungsstück auseinander und hält es ihr vor.
Zazie macht ne Schnute. Wirdse nicht zu groß sein? fragt sie.
Sehn Se her! Sehn Se sich das mal an, ob die nicht eng ist, da kommn Se grad noch so rein, Mademoiselle, obwohl Se ja ganz schmal sind, kann man nicht anders sagen.
Zazie ist ganz trocken im Hals. Bludschins. Einfach so. Bei ihrem ersten Pariser Ausflug. Der Kerl sieht plötzlich verträumt aus. Ja, was überlegt er denn noch, will er sich nicht endlich entschließen? Worauf wartet er denn? Was glaubt er denn? Was will er denn? Das ist bestimmt ein gemeiner Kerl, nicht son armes, wehrloses Ekel, sondern ein richtiges, gemeines Schwein. Musmichinachtnehmn, musmichinachtnehmn, musmichinachtnehmn. Tja, aber die Bludschins ... Endlich ist es soweit. Er bezahlt. Die Ware wird eingepackt, und der Kerl nimmt das Paket unter den Arm, unter seinen eigenen Arm.
Und jetzt, sagt der Kerl, werden wir mal n bißchen was futtern gehn.
MUSIK
Was willst du? fragt der Kerl. Miesmuscheln oder Pommes frites?
Beides, antwortet Zazie, die spürt, wie sie vor Wut wahnsinnig wird.
Bringen Sie der Kleinen mal Miesmuscheln, sagt der Kerl ruhig zu der Bedienung. Und mir bringen Sie nen Muskadet mit zwei Stücken Zucker. Während man auf das Fressen wartet, wird nichts gesprochen. Der Kerl raucht friedlich. Als die Miesmuscheln gebracht werden, stürzt sich Zazie drauf, tunkt in die Soße, patscht in den Saft, bekleckert sich. Nachdem sie alles runtergeschafft hat, sagt sie zu den Pommes frites nicht nein. Die Pommes frites werden gebracht. Zazie, freßgierig, verbrennt sich die Finger, aber nicht's Maul. Nachdem alles vollbracht ist, stürzt sie in einem Zug ihren Halben runter, stößt drei kleine Rülpser aus und hängt erschöpft auf ihrem Stuhl. Ihr Gesicht, über das fast anthropophagische Schatten gezogen waren, hellt sich wieder auf. Voller Befriedigung denkt sie daran, daß sie immerhin mal das intus hat. Dann fragt sie sich, ob es nicht an der Zeit sei, was Liebenswürdiges zu dem Kerl zu sagen, aber was? Sie gibt sich viel Mühe und findet dies:
Brauchen Sie aber lange Zeit, bis Sie Ihren Pott runtergekippt haben. Papa soff in der gleichen Zeit zehn von der Sorte.
Trinkt er viel, dein Papa?
Trank er, müssen Sie sagen. Er ist tot.
Bist du sehr traurig gewesen, als er gestorben ist?
Wo denken Sie hin (Gebärde). Dazu hab ich gar keine Zeit gehabt, bei all dem, was passiert ist (Schweigen).
Und was ist passiert?
Ich würde gern noch nen Halben trinken, aber kein Dünnbier, sondern nen richtigen Halben richtiges Bier. Der Kerl bestellt für sie und verlangt einen Kaffeelöffel. Er will rausfischen, was von dem Zucker noch im Glas zurückgeblieben ist. Während er sich dieser Tätigkeit hingibt, zischt Zazie den Schaum ihres Halben, dann antwortet sie:
Lesen Sie Zeitung?
Manchmal.
Erinnern Sie sich noch an die Näherin aus Saint-Montron, die ihrem Mann mit dem Hackbeil den Schädel gespalten hat? Nun, das war Mama. Und der Mann, das war natürlich Papa.
Ah, macht der Kerl.
Zazie ist empört.
Scheiße nochmal, das hat immerhin ziemlich Staub aufgewirbelt. Mama hatte nen Rechtsanwalt, der extra aus Paris gekommen war, einen ganz berühmten, einer, der nicht so quasselt wie Sie und ich, kurz, ein Arschloch. Trotzdem hat ers fertig gebracht, daß sie freigesprochen wurde. Die Leute haben Mama sogar Beifall geklatscht, und es hat nicht viel gefehlt, daß man sie im Triumph aus dem Gericht getragen hätte. Warn toller Rummel an jenem Tag.
Vornehm zischt sie ein Schlückchen Bier, und es fehlt nur, daß sie den kleinen Finger dabei wegstreckt.
Aber das ist lange nicht alles, fügt sie hinzu, ich, die Sie mich da vor sich sehen, ich hab sogar im Prozeß ausgesagt, und zwar unter Ausschluß der Öffentlichkeit.
Der Kerl reagiert nicht.
Glauben Sie mir etwa nicht?
Natürlich nicht. Das ist ja gesetzlich gar nicht erlaubt, ein Kind, das gegen seine Eltern aussagt.
Primo war von den Eltern nur noch einer da, und außerdem verstehn Sie nichts davon. Sie müssen nämlich wissen, daß Mama Papa nicht riechen konnte, und das hat Papa traurig gemacht, und er hat angefangen zu saufen. Eines Tages, an einem Sonntag, kam ich vom Fußballplatz zurück, Stade Sanctimontronais hatte gegen den Roten Stern von Neuflize gespielt, ein Freundschaftsspiel, gar nicht übel. Interessieren Sie sich für Sport?
Ja. Für das Catchen.
Zazie betrachtet die dürftige Figur des Kerls und feixt.
In der Kategorie Zuschauer, sagt sie.
Der Witz ist doch alt, sagt der Kerl kalt.
Vor Wut gießt sich Zazie ihren Halben hinter die Binde, dann hält sie 's Maul.
Na, sagt der Kerl, nun schmoll mal nicht. Erzähl schon weiter.






