"Der Dichtung heilige Magie"
Eine Schiller-Biographie von Beate Herfurth-Uber
Sprecher: Ein Dichter mit großem Pathos und einem Faible für historische Stoffe, ein Rebell und Workaholic: Friedrich Schiller.
Er gehörte zu den Großen seiner Zeit, diskutierte mit allen namhaften Intellektuellen und war gern gesehener Gast bei Hofe. Eine Bilderbuchkarriere für den Sohn aus eher kleinbürgerlichen Verhältnissen im Schwäbischen.
Materiell jedoch hat sich seine Popularität nie bemerkbar gemacht: Geldsorgen plagten Schiller zeitlebens, er war angewiesen auf Wohltaten von Freunden, Gönnern und Frauen, die ihn verehrten. Man schmückte sich gern mit seiner Bekanntschaft, und dem Dichter war nicht immer wohl dabei.
Schiller: Es ist so eine eigene Sache mit einem schriftstellerischen Namen,... Die wenigen Menschen von Wert und Bedeutung, die sich einem auf diese Veranlassung darbieten und deren Achtung einem Freude gewährt, werden nur allzu sehr durch den fatalen Schwarm derjenigen aufgewogen, die wie Geschmeißfliegen um Schriftsteller herumsumsen, einen wie ein Wundertier angaffen und sich obendrein gar, einiger vollgeklecksten Bogen wegen, zu Kollegen aufwerfen.
Eliteschüler wider Willen
Sprecher: Schillers Vorfahren waren Bauern und Handwerker. Sein Vater, Johann Caspar, soll ein ehrgeiziger Mann gewesen sein. Für längere Schulbesuche oder eine längere Ausbildung aber fehlte das Geld und so wurde er "Wundarzt" - den Beruf lernte man damals bei einem Barbier.
Bei einem Verwandtenbesuch im schwäbischen Marbach lernte er Elisabetha Dorothea Kodweiß kennen, die Tochter einer wohlhabenden Wirtsfamilie, die er kurze Zeit später heiratete. Die beiden blieben in Marbach und Johann Caspar eröffnete eine eigene kleine Praxis. Man sah einer gesicherten Zukunft entgegen, doch dann kam alles ganz anders.
Musik
Der Schwiegervater geriet in finanzielle Schwierigkeiten, und schließlich war der einst gut situierte Wirt bankrott.
Eine katastrophale Situation - dem Schwiegersohn Johann Caspar blieb kaum eine andere Wahl: Er musste nun den Lebensunterhalt als Soldat verdienen. Mit seinem Regiment war er viel unterwegs, und die Schillers führten ein unstetes Leben. Das junge Paar sah sich selten und Frau Schiller reiste ihrem Mann nach, wann immer es ging, sogar noch mit zwei kleinen Kindern; denn mittlerweile waren Elisabeth Christophine Friederike und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Johann Christoph Friedrich auf der Welt.
Der kleine Friedrich war der ganze Stolz seines Vaters, der in Erinnerung an die eigenen unerfüllten Karrierewünsche dem Sohn alle Türen öffnen wollte. So bekam der junge Schiller schon mit sechs Jahren Lateinunterricht beim Dorfpfarrer, der großen Eindruck auf ihn machte. Schillers Berufsziel stand bald fest: Er wollte Theologe werden.
MUSIK
Sprecher: Wenig später zog die Familie nach Ludwigsburg, wo Herzog Carl Eugen residierte. Das höfische Leben dort galt als luxuriös und exzessiv. Ganz anders als der Alltag der braven Schillers, der von Entbehrung und tiefer Religiosität geprägt war.
Der Vater legte Wert auf Disziplin, und das galt insbesondere für den Stammhalter Friedrich, der mittlerweile die Lateinschule besuchte.
Der junge Schiller war talentiert, das fiel auch dem Herzog auf, der ihn als Kandidaten für die so genannte "Militär-Pflanzschule" auserkoren hatte, in der besonders begabte Kinder erzogen wurden - und zwar ganz nach den Vorstellungen des Landesherren. Die Pflanzschule war zunächst so etwas wie ein militärisches Gymnasium, entwickelte sich aber dann zu einer Akademie mit fünf Fakultäten.
Am 16. Januar 1773 traf Friedrich Schiller dort ein. Er war dreizehn Jahre alt und träumte noch immer davon, Theologie zu studieren. Doch der Herzog hatte entschieden und Schiller fügte sich in sein Schicksal. Er studierte Jura, mit sehr mäßigem Erfolg, sodass er schließlich die Fakultät wechselte und ein Medizinstudium begann. Das interessierte ihn schon mehr, und Schiller, selbst häufig kränkelnd, beobachtete interessiert das Zusammenspiel zwischen Seele und Körper:
Schiller: Der Mensch ist nicht Seele und Körper, der Mensch ist die innigste Vermischung dieser beiden Substanzen.
Sprecher: Gut in Latein und Griechisch soll er gewesen sein, in den Disziplinen Reiten, Fechten und Tanzen, die ebenfalls auf dem Stundenplan standen, galt er eher als unbegabt. Als ausgesprochen störend empfanden die Lehrer Schillers fehlenden Sinn für Hygiene. "Schweinepels" soll er genannt worden sein.
Sein Mitschüler Georg Friedrich Scharffenstein beschrieb ihn so:
Scharffenstein: Da sah mein Schiller komisch aus. Er war für sein Alter lang, hatte Beine durchaus mit den Schenkeln von einem Kaliber 4, sehr langhalsig, blaß mit kleinen rot umgrenzten Augen. Er war ein unreinlicher Bursche und, wie der Oberaufseher Nies brummte, ein Schweinepelz. Und nun dieser ungeleckte Kopf mit einem enormen Zopf.
Sprecher: Sieben Jahre und elf Monate verbrachte Schiller in der Eliteschule. Man trug Uniform und stand ziemlich unter Kuratel: Ihre Familien durften die Eleven so gut wie nie sehen und über ihren Berufsweg entschied ein anderer, nämlich der Herzog.
Heimlich begann Schiller zu dichten. Er und seine Kommilitonen lebten einen Freundschaftskult, der zu dieser Zeit Mode war. Das, was man zu Papier gebracht hatte, trug man sich gegenseitig vor. Schon damals fiel Schillers Hang zum Pathos auf.
Besonders innig war die Beziehung zu seinem Kommilitonen Georg Friedrich Scharffenstein. Eine Freundschaft, die jedoch zerbrach, weil Scharffenstein die Dichtkünste des Freundes spöttisch kommentiert hatte. In seinem Abschiedsbrief schrieb der empörte Schiller:
Schiller: War das Freundschaft, oder wars Trug, Falschheit? - Sieh, hier hab ich Klage auf Klage gehäuft, aber ich wills verantworten, will Dir hernach alles vor Auge bewiesen hinlegen, sieh nur daraus, wie wenig Achtung, Liebe Du für mich hegtest, wie klein Du mein Herz gefunden; konntest Du so mein Freund sein? Konntest Du den lieben, der so viel Lächerliches etc. an sich hat?
Mit den Räubern zum Idol einer Generation
Sprecher: Nach dem Examen wurde Schiller Regimentsmedicus in einer Truppe, die vorwiegend aus Invaliden bestand. Ein Job, der Dr. Schiller wohl nicht recht gefiel. Beim Verordnen von Medikamenten soll er eher großzügig gewesen sein, seine Dosierungen galten als extrem hoch. Oft verschrieb er Brechmittel, die Patienten sollten ihre Krankheiten "auskotzen".
Musik
Sprecher: Privat mochte er es exzessiv und zog mit Freunden ausgelassen durch Wirtshäuser. Alkohol und andere Stimulantien schätzte der junge Doktor sehr. Einem Freund bekannte er einige Jahre später:
Schiller: Was ist jetzt mein Zustand oder was war er, seitdem Du mich kennst? Eine fatale, fortgesetzte Kette von Spannung und Ermattung, Opiumschlummer und Champagnerrausch.
Sprecher: Schon in der herzoglichen Schule hatte Schiller, heimlich unter der Bettdecke gedichtet - die Anfänge seines spektakulären Frühwerkes "Die Räuber". Nun war er ein dichtender Arzt und vollendete das Stück.
Es ist die Geschichte von zwei verfeindeten Brüdern. Der begabte, aber labile Karl Moor wird durch eine Intrige seines machthungrigen jüngeren Bruders Franz vom Vater verstoßen. Karl gründet eine Räuberbande, um gegen jede Art von Willkür zu kämpfen. "Die Räuber" sind ein leidenschaftlicher Protest gegen die Unterdrückung des Einzelnen durch die Mächtigen und waren für die damalige Zeit eine Sensation.
Der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters, Wolfgang Heribert Freiherr von Dalberg, gab dem Dichter den Auftrag, eine Bühnenfassung zu erstellen. Doch musste er "Die Räuber" mehrfach "entschärfen", besonders die obrigkeitskritischen Passagen. In der ursprünglichen Version wagte man es nicht, sie einem "ehrsamen und gesitteten Publikum" zuzumuten.
Musik (Beethoven)
Heimlich, inkognito, reiste Schiller nach Mannheim, zur Premiere seiner "Räuber". Nach dem vierten Akt sollen einander fremde Menschen sich schluchzend in die Arme gefallen sein.
Zwei Tage später kehrte der Dichter zurück nach Stuttgart.
Die Räuber machten Schiller in ganz Deutschland bekannt, aber die unerlaubte Reise nach Mannheim zog eine rigorose Antwort des Herzogs nach sich: Er verordnete Dr. Schiller ein Schreibverbot.
Dr. Ritter auf der Flucht
Sprecher: Doch Schiller wollte schreiben: Aus Dr. Schiller wurde Dr. Ritter, der dichtende Regimentsmedicus verließ unter falschem Namen heimlich seine Heimat. Zuvor hatte er notiert:
Schiller: Meine Knochen haben mir im Vertrauen gesagt, dass sie nicht in Schwaben verfaulen wollen.
Sprecher: Bei der Flucht half ihm Andreas Streicher, ein junger Musiker. Am 22. September 1782 sollte es losgehen. Doch als Streicher bei Schiller ankam, um ihn abzuholen, staunte er nicht schlecht. Schiller schien alles um sich herum vergessen zu haben - er war gerade am Dichten.
Als die beiden am Abend endlich die Postkutsche bestiegen, hatte Schiller zwei nicht funktionstüchtige alte Pistolen im Gepäck - für alle Fälle.
Ein aufregender Abgang, der ins Bild passte, zum Mythos des Rebellen Schiller, zum Autoren der Räuber.
Zunächst reiste man nach Mannheim, an das Theater, wo "Die Räuber" so viel Erfolg gehabt hatten. Doch der Empfang war anders als erhofft. Der Intendant war nicht da, und der Umstand, dass Schiller nun ein Deserteur war, sorgte dafür, dass man sich ihm lieber fern hielt.
Enttäuscht reisten die beiden Freunde weiter. Bald ging das Geld zur Neige und Schiller, der mittlerweile in Frankfurt angekommen war, beschrieb freimütig in einem Brief an den Intendanten des Mannheimer Theaters seine hoffnungslose Lage:
Schiller: Ich habe mich von Stuttgart, meiner Sicherheit wegen, schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von Eurer Exzellenz unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, als auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, dass ich Ihnen solche Geständnisse machen muss, aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht.
Sprecher: In dieser vertrackten Situation trat Henriette von Wolzogen in sein Leben, die Mutter seines Schulfreundes Wilhelm. Sie bot ihm auf ihrem Gut im thüringischen Bauerbach Quartier. Schiller lebte dort inkognito, fast acht Monate lang.
Schiller: Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese Sachen werden von den Leuten des Dorfs auf das Vollkommenste und Willigste besorgt.
Sprecher: Schiller fühlte sich offenbar wohl, nutzte die Zeit zum Schreiben und hegte eine tiefe Sympathie für seine Gastgeberin, die verwitwete Gutsherrin Henriette von Wolzogen. Von deren damals sechzehnjähriger Tochter Charlotte war er gleichermaßen entzückt und träumte sogar von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr.
In einem Brief an seinen Freund Reinwald philosophierte der 24jährige über die Liebe:
Schiller: Liebe, mein Freund, das große, unfehlbare Band der empfindenden Schöpfung, ist zuletzt nur ein glücklicher Betrug. - Erschrecken, entglühen, zerschmelzen wir für das fremde, uns ewig nie eigen werdende Geschöpf? Gewiß nicht. Wir leiden jenes alles nur für uns, für das Ich, dessen Spiegel jenes Geschöpf ist.
Sprecher: Doch die Tochter seiner Gönnerin blieb für den Poeten unerreichbar. Schiller empfand nun seine Umgebung, sein ländliches Exil, eher bedrückend und war dankbar, als er ein Angebot aus Mannheim bekam: Schiller wurde Theaterdichter, für ihn erfüllte sich ein Traum.
Aber das Glück war nur von kurzer Dauer. In Mannheim grassierte eine Seuche, das "kalte Fieber", eine Art Malaria. Schiller schilderte die Folgen drastisch. Von 20000 Einwohnern, schrieb er, wären sechstausend betroffen. Und er war einer von ihnen.
Schiller: Schon 14 Tage habe ich weder Fleisch noch Fleischbrühe gesehen. Wassersuppen heute, Wassersuppen morgen, und dieses geht so mittags und abends. Allenfalls gelbe Rüben oder saure Kartoffeln oder so etwas dazu. Fieberrinde eß ich wie Brot...
Sprecher: Eines der Werke aus der Mannheimer Zeit ist "Kabale und Liebe". Die Geschichte spielt am Hofe eines absolutistischen Herrschers und ist eine Anklage gegen Fürstenwillkür. Im Zentrum steht die Liebe zwischen einer Bürgerlichen und einem Adligen. Mit vielen Intrigen versucht die höfische Gesellschaft die beiden zu entzweien.
"Kabale und Liebe" kam gut beim Publikum an, doch Schillers Tage als Theaterdichter in Mannheim waren gezählt. Sein Vertrag wurde nicht verlängert, einmal mehr stand er mittellos da.
Musik
Sprecher: In dieser Zeit ging er im Hause von Charlotte von Kalb ein und aus. Er hatte die junge Frau schon in seinem Thüringer Exil kennen gelernt, und nun verband die beiden eine leidenschaftliche Beziehung - Herr von Kalb, Charlottes Mann - war viel unterwegs.
Die Freundin unterstütze den Dichter, wo sie konnte. Materiell und ideell. Sie empfahl ihm, beim Vortrag seiner Werke weniger Pathos an den Tag zu legen, und sie feilte mit ihm an seinem Dialekt, der für nicht schwäbische Ohren gewöhnungsbedürftig war.
Musik
Sprecher: Schiller sah besorgt in die Zukunft - der finanzielle Engpass hatte sich bedrohlich zugespitzt. In dieser Situation erinnerte er sich an einen Brief, den er monatelang unbeantwortet gelassen hatte. Er stammte von vier Verehrern, die ihn nach Leipzig einluden. An die ihm persönlich unbekannten Absender schrieb er nun:
Schiller: Nimmermehr können Sie mir’s verzeihen, meine Wertesten, dass ich auf Ihre freundschaftsvollen Briefe, auf Briefe, die so viel Enthusiasmus und Wohlwollen gegen mich atmeten und von den schätzbarsten Zeichen Ihrer Güte begleitete waren, sieben Monate schweigen konnte. Ich gestehe es Ihnen, dass ich den jetzigen Brief mit einer Schamröte niederschreibe, welche mich vor mir selbst demütigt...
Sprecher: Zweieinhalb Monate später bat Schiller seine Bewunderer aus Leipzig um eine finanzielle Unterstützung:
Schiller: Meiner Familie kann ich keinen Vorschuß zumuten, denn mein Vater ist Offizier, und sein Degen ist seine Besoldung. Auch habe ich drei Schwestern, denen die Existenz ihres Bruders schon mehr entzog, als sie wird hereinbringen können. Ich glaube, mein Teurer, ich habe Sie jetzt mit meiner ganzen Situation bekannt genug gemacht. Jetzt meine Bitte: Ist es nicht möglich, dass Sie mir (auf Ihren oder meinen Namen - von Buchhändlern oder von andern Juden) ungefähr dreihundert Taler Vorschuß verschaffen können?
Sprecher: Schließlich reiste Schiller nach Leipzig. Als seine Verehrer ihn das erste Mal trafen, waren sie erstaunt. Den Autor der Räuber hatten sie sich offenbar anders vorgestellt. Schiller war das nicht entgangen.
Schiller: Vielen wollte es gar nicht zu Kopfe, dass ein Mensch, der die "Räuber" gemacht hat, wie andre Muttersöhne aussehen soll. Wenigstens rund geschnittene Haare, Kurierstiefel und eine Hetzpeitsche hätte man erwartet.
Sprecher: Zu den Bewunderern gehörte auch der wohlhabende Jurist Christian Gottfried Körner, mit dem Schiller zeitlebens eine Freundschaft verbinden sollte. Auf Einladung Körners und dessen frisch angetrauter Ehefrau wohnte der Dichter nun in Dresden und wandte sich wieder seinem "Don Karlos" zu, den er schon einige Zeit zuvor begonnen hatte. Doch er kam nur schleppend voran.
"Für meinen 'Karlos' - das Werk dreijähriger Anstrengung bin ich mit Unlust belohnt worden", sollte er später resümieren.
Im Mai 1787 war der "Don Karlos" endlich fertig. "Der Hauptfehler war, ich hatte mich zu lange mit dem Stück getragen", erkannte der Dichter, "ein dramatisches Werk aber kann und soll nur die Blüte eines einzigen Sommers sein."
Die Buchausgabe des Wekes, mit 6282 Versen, die längste Fassung des Schauspiels, erschien in Leipzig. Die Uraufführung war am 29. August 1787 in Hamburg.
Gedanken über die Zukunft
Sprecher: Im Juli 1787 machte sich Schiller auf den Weg nach Weimar, dort traf er Charlotte von Kalb wieder. Weimar, die beschauliche Stadt in Thüringen, galt damals als Zentrum der großen Denker, hier lebten Goethe, Herder und Wieland.
Charlotte von Kalb führte Schiller in die Weimarer Gesellschaft ein. Ihre Liaison mit dem berühmten Poeten war offenbar stadtbekannt.
Schiller: Hier ist, wie es scheint, schon ziemlich über mich und mich und Charlotten gesprochen worden. Wir haben uns vorgesetzt, kein Geheimnis aus unserem Verhältnis zu machen. Einigemal hatte man schon die Diskretion - uns nicht zu stören, wenn man vermutete, dass wir fremde Gesellschaft los sein wollten. Charlotte steht bei Wieland und Herdern in großer Achtung. Mit dem ersten habe ich selbst über sie gesprochen.
Sprecher: Doch Charlotte von Kalb war nun einmal verheiratet, damit musste man sich arrangieren, auch damit, dass der Ehemann gelegentlich von seinen Reisen zu Charlotte nach Weimar kam, die sie ihm allerdings so ungemütlich wie möglich gestaltete.
Schiller: Aus einer kleinen Bosheit vermeidet sie deswegen auch, in Weimar die geringste Einrichtung für häusliche Bequemlichkeit zu machen, dass ihn die Armseligkeit weg nach Dresden treiben soll..
Musik
Sprecher: Schiller beschäftigte sich immer mehr mit Geschichte und liebäugelte damit, eine Profession daraus zu machen. Es war nicht nur Interesse, das ihn trieb, er dachte auch an seine Zukunft und erhoffte sich von einer Existenz als Historiker mehr materielle Sicherheit.
Schiller: Täglich arbeite ich schwerer - weil ich viel schreibe. Was ich von mir gebe, steht nicht in Proportion mit dem, was ich empfange. Ich bin in Gefahr, mich auf diesem Wege auszuschreiben...MUSIK
Es gibt Arbeiten, bei denen das Lernen die Hälfte, das Denken die andere Hälfte tut. - Zu einem Schauspiel brauche ich kein Buch, aber meine ganze Seele und alle meine Zeit. Zu einer historischen Arbeit tragen mir Bücher die Hälfte bei. MUSIK
Ist es wahr oder falsch, dass ich darauf denken muß, wovon ich leben soll, wenn mein dichterischer Frühling verblüht?
Sprecher: 1789 folgte Schiller einem Ruf nach Jena und wurde Professor der Geschichte. Goethe höchst persönlich hatte ihn empfohlen, und Schiller sah das mit gemischten Gefühlen.
Schiller: Man hat mich hier übertölpelt, Voigt vorzüglich, der es sehr warm beförderte. Meine Idee war es fast immer, aber ich wollte wenigstens ein oder einige Jahre zu meiner besseren Vorbereitung noch verstreichen lassen.
Sprecher: Die Antrittsvorlesung des berühmten Autors der Räuber wurde in Jena mit Spannung erwartet.
Schiller: Nun gabs das lustigste Schauspiel. Alles stürzte hinaus und in einem hellen Zuge die Johannisstraße hinunter, die, eine der längsten in Jena, von Studenten ganz besät war. MUSIK
Man glaubte anfangs, es wäre Feueralarm, und am Schloß kam die Wache in Bewegung. 'Was ists denn? Was gibt’s denn?' hieß es überall. Da rief man denn: Der neue Professor wird lesen!
MUSIK
Ich zog also durch eine Allee von Zuschauern und Zuhörern ein und konnte den Katheder kaum finden; unter lautem Pochen, welches hier für Beifall gilt, bestieg ich ihn und sah mich von einem Amphitheater von Menschen umgeben...
Ein Dichter auf Freiersfüßen
Sprecher: Schiller war noch immer auf der Suche - auf der Suche nach der passenden Ehefrau. Schon ein Jahr zuvor hatte er seinem Freund Körner anvertraut:
Schiller: Alle meine Triebe zu Leben und Tätigkeit sind in mir abgenützt; diesen einzigen habe ich noch nicht versucht. Ich führe eine elende Existenz, elend durch den inneren Zustand meines Wesens. Ich muss ein Geschöpf um mich haben, das mir gehört, das ich glücklich machen kann und muss, an dessen Dasein mein eigenes sich erfrischen kann.
Sprecher: Gut eineinhalb Jahre vor seinem Amtsantritt in Jena hatte Schiller die Bekanntschaft zweier Schwestern gemacht - es waren die Cousinen seines Schulfreundes Wilhelm von Wolzogen, Charlotte und Caroline.
Man traf sich immer wieder, mal zufällig, mal weilte Schiller für einige Zeit auf Einladung der Schwestern in deren Nähe. Schiller fühlte sich zu beiden hingezogen. An Charlotte schrieb er:
Schiller: Wie haben Sie denn heute nacht in Ihrem zierlichen Bette geschlafen? Und hat der süße Schlaf Ihre lieben, holden Augenlieder besucht? Sagen Sie mirs in ein paar geflügelten Worten - aber ich bitte Sie, daß Sie mir Wahrheit verkündigen....
Was macht Ihre Schwester? Klappert der Pantoffel schon um ihre zierlichen Füße, oder liegt sie noch im weichen, schön geglätteten Bette?
Sprecher: Jede der Schwestern war auf ihre Art reizvoll
Schiller: Beide Geschöpfe sind ohne schön zu sein, anziehend. Beide gefallen mir sehr.
Sprecher: Für eine Ehe kam nur Charlotte in Frage, denn Caroline war bereits mit Herr von Beulwitz verheiratet. Eine unglückliche Ehe, die einzige zeit später geschieden werden sollte. Was zu diesem Zeitpunkt aber noch niemand ahnen konnte.
MultiSkript Verlag, Eppstein, 2008
Sprecher: Wilfried Haugg und Steffen Rosenberger






