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Mark Twain: "Prinz und Bettelknabe"

Die Geburt des Prinzen und des Bettelknaben. An einem Herbsttag in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde in der Stadt London einer armen Familie namens Canty ein Knabe geboren, der ihnen nicht erwünscht war. Am gleichen Tag wurde in London ein anderes Kind geboren, das seinen Eltern sehr willkommen war. In der Tat, ganz England freute sich über alle Maßen. Das Volk hatte die Geburt dieses Knaben so sehr herbeigesehnt und Gott darum gebeten, dass nun, als er endlich da war, jedermann vor Freude fast verrückt wurde. Menschen, die sich kaum kannten, umarmten und küssten sich auf der Straße und das war kein Wunder. War doch der Neugeborene der Thronfolger Edward Tudor, der erste Sohn des Königs. Niemand arbeitete und hoch und niedrig, arm und reich, feierte und tanzte und sang. Die Stadt London bot ein sehenswertes Bild. Von allen Balkonen und Dächern wehten bunte Fahnen, prachtvolle Umzüge wurden veranstaltet und nachts brannten an jeder Straßenecke Freudenfeuer, um die sich scharenweise fröhliche Menschen drängten. In ganz England sprach man von nichts anderem als von dem neugeborenen Prinzen von Wales, dem Baby in Samt und Seide, das von den vornehmsten Herren und Damen betreut wurde und doch von all der Pracht und Herrlichkeit rings um sich nichts wusste und sich auch nicht drum kümmerte. Niemand aber sprach von Tom Canty, dem anderen Baby in seinen Lumpen, außer der bettelarmen Familie, für die seine Ankunft nur eine neue Sorge bedeutete.

Toms Kindheit.

Lasst uns ein paar Jahre überspringen. London war damals etwa 15 hundert Jahre alt und hatte an die 100 000 Einwohner. Nach den Begriffen jener Zeit war es eine große Stadt. Die Straßen waren eng, winklig und schmutzig. Besonders im Viertel nahe der London Bridge, der alten Brücke über die Themse, wo Tom lebte. Fast alle Häuser waren aus Holz gebaut und mit Mörtel verputzt. Das erste Stockwerk sprang über das Erdgeschoss vor und das zweite ragte noch ein Stück weiter hinaus. Je höher ein Haus war desto mehr wuchs es nach oben in die Breite. Die kleinen Fenster mit ihren in Blei eingefassten Butzenscheiben und die rot, blau oder schwarz gestrichenen Holzbalken in den Mauern, gaben den Häusern ein malerisches Aussehen. Das Haus, in dem Toms Eltern wohnten, lag im Kehrichthof. Einem dreckigen Winkel abseits von Puddington. Es war klein, verfallen und verwahrlost, aber randvoll von bettelarmen Leuten. Toms Familie hauste in einem einzigen Raum des dritten Stockwerks. Für den Vater und die Mutter stand eine Art Bettstatt in einem Winkel, doch Tom und seine beiden Schwestern, Nen und Bet, und die Großmutter hatten den ganzen Fußboden für sich und konnten schlafen, wo sie wollten. Es gab zwar noch ein paar armselige Decken und etliche Bündel altes fauliges Stroh, doch das konnte man kaum ein Bett nennen. Am Morgen wurde alles in einer Ecke zusammengefegt und abends nahm sich jeder, was er brauchte. Bet und Nen waren Zwillinge und etwa 15 Jahre alt. Zeit ihres Lebens hatten sie nichts anderes kennen gelernt als Schmutz und Lumpen und gleich der Mutter waren sie vollkommen ungebildet, aber gutmütig und warmherzig. Der Vater und die Großmutter waren jedoch die bösen Geister der Familie. Sie betranken sich bei jeder Gelegenheit, verprügelten sich dann gegenseitig und fielen über jeden her, der ihnen in den Weg kam. Den ganzen Tag fluchten und lästerten sie, ob sie betrunken oder nüchtern waren. John Canty war ein Dieb und seine Mutter eine Bettlerin. Sie hielten die Kinder zum Betteln an, aber es war ihnen bisher nicht gelungen, Diebe aus ihnen zu machen. Unter all dem widerlichen Gesindel, das im Kehrichthof hauste, lebte nämlich auch ein guter alter Priester, den der König mit einer kleinen Rente aus seinem Amt gejagt hatte. Dieser Priester, Father Andrew, holte die Kinder heimlich zu sich, wann immer sich eine Gelegenheit bot und lehrte sie den Unterschied zwischen gut und böse. Von Father Andrew hatte Tom auch Lesen und Schreiben gelernt und ein wenig Latein. Überall im Kehrichthof ging es zu wie in Cantys Haus. Streit, Zank und Trunkenheit waren an der Tagesordnung und eingeschlagene Schädel so selbstverständlich wie Hunger und Elend. Und doch war der kleine Tom nicht unglücklich. Er hatte ein elendes Dasein, aber er war sich dessen nicht bewusst. Es war das Leben aller Jungen vom Kehrichthof. Er hatte nie etwas anderes kennen gelernt und glaubte, das alles sei selbstverständlich und gar nicht so schlimm. Kam er abends mit leeren Händen Heim, schimpfte und prügelte ihn sein Vater und war das vorüber, so fiel seine Großmutter über ihn her und setzte ihm nicht minder grausam zu. Nachts aber, sobald die anderen schliefen, stahl sich seine Mutter zu ihm und steckte ihm heimlich eine harte Brotrinde oder irgendeinen anderen jämmerlichen Bissen zu, den sie sich vom Mund abgespart hatte, obwohl sie selbst fast verhungert war. Nein, Tom fand sein Leben durchaus erträglich. Besonders im Sommer. Er bettelte nur solange, bis er genug beisammen hatte, um sich vor dem väterlichen Prügel zu retten, denn Bettelei war zu jener Zeit streng verboten und wurde hart bestraft. Wann immer er nur konnte, stahl er sich zu dem guten alten Priester und ließ sich von ihm Geschichten erzählen. Geschichten von Riesen und Feen, Zwergen und Zaubergeschöpfen, verwunschenen Schlössern und tapferen Königen und Prinzen. Bald konnte Tom an nichts anderes mehr denken. Father Andrews Wunderwelt hatte ihn verzaubert und so manche Nacht, wenn er müde, hungrig und wund geschlagen auf seinem harten und stinkenden Strohbett lag, führte ihn seine Fantasie weit fort. Er war nicht mehr Tom, der Bettelknabe, er war ein verwöhnter Prinz in einem prächtigen Palast. Und über diesen wunderbaren Träumen vergaß er seine Schmerzen und seine Nöte. Tag und Nacht verfolgte ihn nun bald nur noch der eine Wunsch, endlich mit eigenen Augen einen wirklichen, echten Prinzen zu sehen. Er las stundenlang in den alten Büchern des Priesters, sprach mit ihm darüber und fragte wissbegierig nach allem was er nicht verstand. Das viele lesen und die romantischen Träumereien blieben nicht ohne Folgen. Langsam veränderte sich das Wesen des kleinen Bettlers. Seine Traumgefährten waren so vornehm und gebildet, dass er sich insgeheim seiner schmutzigen Lumpen zu schämen begann und sich wünschte, reinlicher und besser gekleidet zu sein. Freilich spielte er weiterhin in den schmutzigen Gassen, tollte wie seine Kameraden herum und hatte seine Freude daran, aber er planschte nicht mehr nur zum Spaß in der Themse, sondern auch darum weil er den Wert des Wassers entdeckt hatte und sich selbst und seine Kleider dabei wusch. Nach und nach übten die Wunschträume und die Bücher von Prinzen und Königen eine immer stärkere Wirkung auf Tom aus. Und allmählich begann er, sich selbst unbewusst wie ein Prinz zu benehmen. Zur größten Verwunderung und zur anfänglichen Belustigung seiner Spielkameraden wurden seine Sprache und sein Benehmen sonderbar geziert und höfisch. Trotzdem wuchs Toms Einfluss auf das junge Straßenvolk von Tag zu Tag. Mochten sie auch zuerst über ihn lachen. Schließlich betrachteten sie ihn doch staunend und ehrfürchtig wie ein höheres Wesen. Er wusste so viel, was sie nicht wussten. Er konnte so außergewöhnliche Dinge sagen und tun und obendrein war er klüger als sie alle. Bald erfuhren auch die Eltern seiner Freunde von Tom Cantys seltsamen Aussprüchen und seinem seltsamen Benehmen. Die Erwachsenen begannen über ihn zu reden und allmählich wurde er überall für einen ungewöhnlichen und begabten Jungen gehalten. Es geschah nicht selten, dass erwachsene Leute mit ihren Schwierigkeiten bei ihm um Rat fragten. Und seine klugen und scharfsinnigen Antworten, erstaunten sie stets aufs Neue. Er wurde eine Art Wunderkind für alle, die ihn kannten. Mit Ausnahme seiner eigenen Familie. Sie sah so gar nichts Besonderes in ihm. Nach einiger Zeit gründete Tom im Kehrichthof einen richtigen königlichen Hofstaat. Freilich nur im Geheimen, denn die Erwachsenen hätten wenig Verständnis dafür gehabt. Natürlich war er der Prinz. Seine Freunde waren die Leibgarde, die Kammerherren, die Hofherren und Hofdamen. Jeden Morgen empfing der Schattenprinz seinen Hofstaat, tagtäglich wurden die Staatsgeschäfte besprochen und jeden Tag erließ seine königliche Hoheit neue Verordnungen für seine Armee, seine Ratgeber und seine Untertanen. Von Woche zu Woche wuchs Toms Sehnsucht, nur ein einziges Mal einen leibhaftigen, echten Prinzen zu sehen. Bis diese Sehnsucht alle anderen Wünsche verdrängte und die eine große Leidenschaft seines Lebens wurde. Wenn er seinen Schattenhofstaat entlassen hatte, trottete er hungernd und in Lumpen durch die Gassen, erbettelte sich eine Kleinigkeit und kam Heim, um wie üblich gescholten und umhergestoßen zu werden, verkroch sich in einem Winkel auf einer handvoll faulen Strohs und ließ seine Gedanken weit fortwandern in ferne romantische Länder. Im Nu befand er sich in der Gesellschaft Edelstein-geschmückter Prinzen, die in prachtvollen Palästen wohnten und deren Diener dem kleinsten Wink gehorchten. Und schlief er endlich ein, so träumte ihm, er selbst wäre ein Prinz. Er lebte im Glorienschein seiner hohen Geburt, hörte erlesene Musik und wurde von hohen Damen und Herren bedient. Am Morgen, wenn er aufwachte, wurde ihm sein Elend doppelt bewusst. Und dann folgten Bitterkeit, Verzweifelung und Tränen.

Tom trifft den Prinzen.

Eines Morgens wachte Tom wie üblich hungrig auf und schlich sich hungrig fort noch im Bann des schattenhaften Glanzes seiner Träume. Er strolchte durch die Stadt, ohne wahrzunehmen, wohin er ging und was rund um ihn geschah. Vorübergehende stießen ihn an und riefen ihm grobe Worte nach, aber der völlig in Gedanken versunkene Junge hörte und sah nichts. Schließlich fand sich Tom vor einem der Stadttore, weiter von zu Hause fort, als er je vorher gewesen war. In der Nähe des Themseufers, an dem zu jener Zeit viele Vornehme ihre Häuser gebaut hatten. Er blieb stehen und dachte einen Augenblick nach, was er nun tun sollte, verfiel aber gleich wieder in seine Träume und wanderte ziellos weiter. Die Straße war gesäumt von prächtigen Häusern in Mitten weiter und gepflegter Gärten, die sich bis zum Fluss hinstreckten. Tom merkte nun, dass er nach Cherry, einem Vorort von London gekommen war und schlenderte eine stille und schön angelegte Straße entlang, kam am stattlichen Palast des Kardinals vorbei und sah dann ein noch viel prächtigeres, wahrhaft majestätisches Schloss vor sich auftauchen. Westminster. Sprachlos vor Staunen, starrte Tom auf das weit hingestreckte Gebäude mit seinen Bastionen und Türmen. Er starrte auf das mächtige Tor mit den vergoldeten Gittern, den steinernen Löwen und allen anderen Symbolen des englischen Herrscherhauses. Sollte die große Sehnsucht seines Lebens, sein Herzenswunsch, endlich erfüllt werden? Das war ohne Zweifel der Palast des Königs. Durfte er nicht hoffen, hier endlich einen Prinzen zu sehen? Einen Prinzen aus Fleisch und Blut, wenn ihm der Himmel gnädig war? Zu beiden Seiten des vergoldeten Tores stand bolzengerade und reglos ein Wache haltender Soldat und war vom Kopf bis zu den Füßen in eine schimmernde Rüstung gehüllt. In respektvollem Abstand drängte sich eine Scharr Landleute und Stadtvolk, die darauf warteten, von zufällig vorbeikommenden königlichen Hoheiten einen flüchtigen Blick zu erhaschen. Der arme kleine Tom in seinen Lumpen schlich sich schüchtern und mit klopfendem Herzen näher, wollte sich gerade an den Schildwachen vorbei stehlen, als er ganz plötzlich durch die goldenen Gitterstäbe ein Schauspiel sah, das ihm beinahe einen Freudeschrei entlockte. Drin stand ein hübscher Knabe. Er war braungebrannt vom Sport und Spielen im Freien, ganz in Samt und Seide gekleidet und mit glitzernden Juwelen geschmückt. An seiner Hüfte hing ein kleiner edelstahlbesetzter Degen. Seine Füße steckten in feinen Wildlederschuhen mit roten Absätzen und auf dem Kopf trug er eine elegante rote Kappe mit wallenden Federn, die von einer schimmernden Perlenbrosche festgehalten wurden. Ein paar farbenprächtig aufgeputzte Herren standen neben ihm, ohne Zweifel seine Diener. Oh… es war ein Prinz. Ein leibhaftiger Prinz. Ein echter Prinz. Tom zweifelte keinen Augenblick daran. Endlich war die geheime Sehnsucht des Bettelknaben erfüllt worden. Toms Atem flog vor Aufregung. Seine Augen wurden groß vor Staunen und Entzücken. Er vergaß alles. Unwiderstehlich überfiel ihn der Wunsch so nah als möglich an den Prinzen heranzukommen, um ihn dann lange und gründlich zu betrachten. Bevor er wusste, was er tat, hatte er sein Gesicht an die Gitterstäbe des Tores gepresst. Im nächsten Augenblick packte ihn einer der Soldaten, riss ihn unsanft vom Tor und stieß ihn in die gaffenden Menge der einfachen Landleute und Londoner Müßiggänger zurück. „Was soll das heißen du Betteljunge?“, fuhr ihn der Soldat an. Die Zuschauer johlten und lachten und fanden das ganze sei ein köstlicher Spaß. Der junge Prinz jedoch sprang mit zornrotem Gesicht und blitzenden Augen zum Tor und rief: „Wie kannst du es wagen, den armen Jungen so zu behandeln? Und wäre er der ärmste Untertan meines Vaters, des Königs, öffne das Tor und lass ihn herein.“ Ihr hättet sehen sollen, wie schnell die wankelmütigen Leute nun ihre Hüte von den Köpfen rissen. Ihr hättet sie jubeln und rufen hören: „Lang lebe der Prinz von Wales!“ Die Soldaten präsentierten ihre Hellebarden, öffneten das Tor und salutierten noch einmal als der kleine Bettelprinz in seinen armseligen Lumpen eintrat und vom Prinzen des Überflusses empfangen wurde. Edward Tudor sagte zu ihm: „Du scheinst müde und hungrig zu sein. Du bist schlecht behandelt worden. Komm mit mir!“ Ein halbes dutzend Diener sprang herzu. Gott weiß, was sie wollten, wahrscheinlich Einspruch erheben. Aber sie wurden mit einer wahrhaft königlichen Geste zurückgescheucht und blieben stockstill stehen. Wie Statuen. Edward führte Tom in ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Palast, das er sein Kabinett nannte. Auf seinen Befehl wurden verschiedene Köstlichkeiten serviert wie sie Tom höchstens aus seinen Büchern kannte und die seine kühnsten Erwartungen überstiegen. Nachdem aufgetragen worden war, entließ der Prinz mit feinem Taktgefühl und nobler Rücksichtnahme die Diener, damit sein zerlumpter Gast nicht durch ihre Anwesenheit in Verlegenheit gebracht wurde. Während Tom aß, setzte er sich zu ihm und stellte Fragen. „Wie heißt du mein Junge?“ „Tom Canty, wenn es gefälligst ist Herr.“ „Das ist ein sonderbarer Name. Wo wohnst du?“ „In der Stadt mit eurer Erlaubnis Herr. Im Kehrichthof bei Paddington.“ „Kehrichthof, wahrhaftig, wieder sehr sonderbar. Hast du Eltern?“ „Eltern habe ich Herr und eine Großmutter auch, aber lieber wäre es mir, ich hätte keine. Gott soll mir vergeben, dass ich so etwas sage. Und dann sind noch Nen und Bet da, die Zwillingsschwestern.“ „Deine Großmutter ist wohl nicht sehr freundlich zu dir, scheint mir.“ „Zu mir nicht und zu niemandem anderen mit Verlaub euer Gnaden.“ „Behandelt sie dich nicht gut?“ „Es gibt Zeiten, da brauche ich sie nicht zu fürchten, wenn sie schläft oder zu viel getrunken hat, aber wenn sie ihre fünf Sinne beisammen hat, dann holt sie es nach und schlägt mich umso mehr.“ Die Augen des Prinzen begannen zu funkeln und er rief unwillig aus: „Was? Sie schlägt dich?“ „Oh ja, so ist es mit Verlaub Herr.“ „Prügel? Und du bist so klein und schwach. Noch heute soll sie in den Tower geworfen werden. Der König, mein Vater …“ „Wahrhaftig Herr, ihr vergesst ihren niederen Stand. In den Tower kommen nur die Vornehmen.“ „Tatsächlich, daran habe ich nicht gedacht. Ich werde über ihre Bestrafung nachdenken. Ist dein Vater gut zu dir?“ „Nicht mehr als die Großmutter Herr.“ „Väter sind wahrscheinlich alle so. Meiner hat auch nicht gerade ein sanftes Gemüt. Alle fürchten ihn, aber zu mir ist er immer freundlich. Wie behandelt dich deine Mutter?“ „Oh, Herr, die ist gut und Nen und Bet sind wie sie.“ „Wie alt sind deine Schwestern?“ „15, mit eurer Erlaubnis Herr.“ Lady Elisabeth, meine Schwester, ist 14 und Lady Jane Grey, meine Cousine, ist gerade so alt wie ich und liebenswürdig und schön noch dazu. Aber meine Schwester, Lady Mary, mit ihrem finsteren Gesicht … Hör mal, verbieten deine Schwestern auch ihren Dienern zu lächeln, weil es eine Sünde ist?“ „Meine Schwestern? Oh, Herr, was glaubt ihr denn? Die haben doch keine Diener!“ Der kleine Prinz betrachtete den kleinen Bettelknaben einen Augenblick nachdenklich und sagte dann: „Aber ich bitte dich, warum nicht? Wer hilft ihnen abends beim Auskleiden und wer wartet ihnen auf, wenn sie morgens aufstehen?“ „Niemand, Herr. Ihr wolltet doch sicher nicht, dass sie ihr Kleid ausziehen und nackt schlafen wie die Tiere.“ „Ihr Kleid? Haben sie denn nur eines?“ „Ach, euer Gnaden, was würden sie denn mit mehr Kleidern tun? Wahrhaftig, jeder hat doch nur einen Körper.“ „Es ist eine seltsame und wunderliche Idee, entschuldige, ich wollte nicht darüber lachen, aber deine Schwestern sollen bald Kleider und Diener haben, so viel sie nur brauchen. Mein Kämmerer wird dafür sorgen. Nein, danke mir nicht. Das ist nicht der Rede wert. Du sprichst höflich, hast gute Mannieren, kannst dich gut ausdrücken. Hast du Unterricht erhalten?“ „Weiß nicht Herr, ob man das Unterricht nennen soll oder nicht. Ein guter Priester, den wir Father Andrew nennen, hat mir allerlei erzählt und mir auch seine Bücher zum Lesen gegeben.“ „Kannst du Latein?“ „Nur wenig fürchte ich Herr.“ „Dann lerne es mein Junge. Es ist nur am Anfang schwer. Griechisch ist viel schwieriger. Aber jetzt erzähl mir vom Kehrichthof. Hast du ein schönes Leben dort?“ „Wahrhaftig ja, mit Verlaub Herr. Solange man nicht gerade hungrig ist. Da gibts Puppenspiele und angezogene Äffchen und das kostet fast nichts, nur einen Groschen, obwohl es manchmal schwierig ist, zu dem Groschen zu kommen, mit Verlaub Herr.“ „Weiter.“ „Wir Jungen vom Kehrichthof fechten manchmal mit Stöcken wie die Lehrlinge.“ Die Augen des Prinzen glänzten und er sagte: „Beim Himmel, das würde mir auch gefallen. Erzähl mir mehr!“ „Im Sommer Herr, da waten und schwimmen wir in den Kanälen und im Fluss und wir planschen und spritzen und tauchen den Nachbarn runter und schreien und springen.“ Das Königreich meines Vaters würde ich dafür geben, nur einmal mittun zu dürfen. Ich bitte dich, fahr fort.“ „Wir tanzen und singen um den Maibaum im Kaufmannsviertel. Wir spielen im Sand und einer gräbt den anderen ein und manchmal machen wir auch Schlammkuchen. Oh, Schlamm ist einfach großartig. Auf der ganzen Welt gibts nichts, was so schön ist. Manchmal wälzen wir uns förmlich im Schlamm Herr, wenn man das in eurer Gnaden Gegenwart sagen darf.“ „(Seufzen) Ich bitte dich, hör auf. Das klingt … herrlich. Wollte Gott ich dürfte einmal anziehen wie du, dürfte Barfuss laufen und im Schlamm spielen und niemand wäre da, der mich zurückhält und es mir verbietet und mir Vorwürfe macht. (Seufzen) Nur ein einziges Mal. Mir scheint, ich würde meine Krone dafür geben.“ „Und wenn ich nur einmal eure Kleider tragen dürfte, lieber Herr. Nur ein einziges Mal.“ „Oho, würde dir das Spaß machen? Dann soll es so sein. Zieh deine Lumpen aus und nimm meine Pracht. Es ist nur ein kurzes Glück, aber deshalb umso schöner. Wir wollen es genießen solange es uns gefällt und die Kleider wieder wechseln, bevor jemand kommt und uns stört.“ Ein paar Minuten später stand der kleine Prinz von England in Toms Fetzen und Lumpen da und der  Bettelprinz hatte sich mit dem glitzernden Tand königlicher Pracht herausgeputzt. Seite an Seite stellten sie sich dann vor einen Spiegel und … oh Wunder. Es war als hätten sie die Kleider nicht getauscht. Sie starrten sich an, sie starrten in das Glas, sahen sich noch einmal an, um danach wieder ihr Spiegelbild zu betrachten. Schließlich sagte der Prinz verstört: „Was hältst du davon?“ „Ach, lieber guter Herr, verlangt keine Antwort von mir. Es geziemt sich nicht, dass einer meines Standes so etwas ausspricht.“ „Dann will ich es aussprechen. Du hast das gleiche Haar wie ich, die gleichen Augen, das gleiche Gesicht, die selbe Stimme, die selbe Größe und Haltung und das gleiche Benehmen. Wären wir beide nackt, so könnte niemand sagen, wer von uns beiden der Prinz von Wales ist und wer von uns beiden du bist. Und nun, da ich die Lumpen trage, die du getragen hast, ist es mir als könnte ich erst richtig fühlen wie dir zumute war, als jener gemeine Soldat … oh, bist du nicht an der Hand verletzt?“ „Ja, aber es ist nur eine kleine Schramme und euer Gnaden wissen, jener arme Soldat …“ „Schweig, es war schandhaft und grausam!“, rief der kleine Prinz und stampfte mit seinen bloßen Füßen auf. „Wenn der König … bleib hier bis ich wieder zurück bin! Das ist ein Befehl!“ Im Nu hatte er einen Gegenstand von höchster nationaler Bedeutung vom Tisch genommen und ein Versteck dafür gesucht. Dann lief er zur Tür und flog förmlich in seinen flatternden Lumpen durch den Palast. Sein Gesicht glühte und seine Augen blitzten. Als er bei dem großen Tor angelangt war, rüttelte er am Gitter und rief: „Öffnet! Macht das Tor auf!“ Jener Soldat, der Tom misshandelt hatte, gehorchte sofort. Vor königlichem Zorn wahrhaftig sprühend schoss der kleine Prinz durch das Tor. „Da du Bettelstrolch, du hast es verdient!“, schrie der Soldat und versetzte ihm eine so kräftige Ohrfeige, dass er taumelnd auf die Straße stürzte. „Glaubst du, unser eins lässt sich deinetwegen schikanieren?“ Die Menge brach in schallendes Gelächter aus. Einen Augenblick blieb der kleine Prinz wie betäubt im Straßenstaub liegen, dann sprang er auf und fiel die Schildwache wütend an: „Ich bin der Prinz von Wales, meine Person ist geheiligt, du hast Hand an mich gelegt, dafür sollst du hängen!“ Der Soldat präsentierte seine Hellebarde und spottete: „Meine untertänigste Verehrung königlicher Hoheit und jetzt verschwinde du verrückter Dreckspatz!“ Johlend nahm die Menge den armen kleinen Prinzen in ihre Mitte, stieß und drängte ihn umbarmherzig die Straße weiter fort vom königlichen Schloss, verhöhnten ihn und schrien: „Macht Platz für seine königliche Hoheit! Macht Platz für den Prinzen von  Wales!“ Der Prinz gerät in Schwierigkeiten. Stundenlang verfolgte und jagte der lärmende Haufen den kleinen Prinzen, bis endlich einer nach dem anderen von ihm abließ. Solange er im Stande gewesen war gegen seine Quälgeister zu rasen, sie mit königlichem Zorn zu bedrohen oder ihnen mit königlichem Stolz Befehle zu erteilen, über die sie sich fast ausschütten wollten vor Lachen, hatten sie ihn sehr unterhaltsam gefunden. Als er aber schließlich vor Erschöpfung kein Wort mehr herausbrachte, fanden sie ihn langweilig und suchten sich anderswo eine neue Unterhaltung. Der Prinz schaute sich um. Längst schon wusste er nicht mehr, wo er sich befand. Er war sich nur darüber im Klaren, dass er irgendwo mitten in der Londoner Innenstadt sein musste. Er wanderte ziellos umher, wusch seine blutenden Füße in einem kleinen Bach, rastete einen Augenblick und trottete wieder weiter.

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Weiterführende Informationen

Foto Erika Grassl

Erika Grassl von der Mittwochsgruppe in München:

"Ein halbstündiger Spaziergang macht großen Spaß, belebt den Körper und macht außerdem den Kopf für die ausstehenden Aufgaben frei. Die Mitarbeiter sind begeistert und freuen sich auf den Mittwoch. Eingeladen sind alle, die Lust auf eine gesunde Mittagspause mit Bewegung haben."


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