Interview
Interview mit Bundesgesundheitsministerin a. D. Ulla Schmidt in Badenweiler
Welches Ziel verfolgt die europäische Konferenz "Gesundheitliche Prävention. Ernährung und Bewegung - Schlüssel für mehr Lebensqualität"?
Ulla Schmidt: Ziel der Konferenz in Badenweiler ist es, die politische Bedeutung gesundheitlicher Prävention am Beispiel von Bewegung und Ernährung darzustellen und die Sensibilität für dieses Thema innerhalb der EU zu wecken. Wir wollen gemeinsame Empfehlungen entwickeln, die der Zunahme von chronischen Krankheiten entgegenwirken. Dabei geht es vor allem um die so genannten Zivilisationskrankheiten.
Die durch Übergewicht bedingten Krankheiten verursachen in Europa schätzungsweise sieben Prozent der gesamten Ausgaben im Gesundheitswesen. Es gilt diese Entwicklung zu stoppen. Wir wollen von unseren Nachbarn lernen und gemeinsame Präventionsstrategien für ein gesünderes Europa erarbeiten. Am Ende der Konferenz wird es ein Badenweiler Memorandum geben, mit konkreten Empfehlungen für das geplante EU Weißbuch zur Förderung gesunder Ernährung und körperlicher Bewegung, das im Frühsommer erscheinen soll.
Wie wichtig ist es, gesunde Ernährung und mehr Bewegung in unseren Alltag einzubauen?
Ulla Schmidt: Das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung zu fördern ist deshalb so wichtig, weil unsere Gesundheit zu einem Großteil davon abhängt wie wir essen, trinken und uns bewegen. Wenn wir eine erfolgreiche europaweite Prävention erreichen wollen, müssen alle politischen Akteure an einem Strang ziehen. Dazu gehören auch die Bereiche Verbraucherschutz, Sozialpolitik, Landwirtschaft, Umwelt, Bildung und viele mehr.
Ein Schwerpunktthema der Tagung ist die Bekämpfung der Übergewichtigkeit in Europa. Warum ist dieses Thema so wichtig?
Ulla Schmidt: Das Tempo, mit dem die Zahl der übergewichtigen Kinder und Erwachsenen in Europa zunimmt, ist alarmierend. Derzeit leiden in der EU rund 3 Millionen Kinder, bis zu 27 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen an Fettleibigkeit. Hier muss europaweit gehandelt werden. Wir müssen die Menschen zu einem gesünderen Lebensstil motivieren.
Durch regelmäßige Bewegung, richtige Ernährung und ausreichende Erholung können wir möglichen Krankheiten wie Typ2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten, orthopädischen Erkrankungen und einigen Krebsarten vorbeugen. Langfristig führt eine erfolgreiche Prävention nicht nur dazu, dass die Menschen ein gesundes und damit glücklicheres Leben führen können, sondern auch zu einer Senkung der Gesundheitskosten.
Welche Bedeutung hat der Gedanke der Prävention in der EU?
Ulla Schmidt: Bereits im März 2005 hat die Europäische Kommission offiziell die EU Aktionsplattform für Ernährung, körperliche Bewegung und Gesundheit ins Leben gerufen. Alle Mitglieder haben sich darauf verständigt Ressourcen bereitzustellen, um bestehende Initiativen zu fördern oder neue Aktionen zu starten, die zur gesunden Ernährung und Bewegung aufrufen. In Deutschland haben wir beispielsweise die Kampagne "Bewegung und Gesundheit" mit dem Motto "jeden Tag 3.000 Schritte extra" gestartet.
Mit Geh-Aktionen in den Städten und unserem Schrittzähler wollen wir dem Bewegungsmangel in unserem Land begegnen. Denn wir wissen, dass schon täglich 3.000 Schritte extra das Wohlbefinden verbessern und Krankheiten vorbeugen. Über 380.000 Menschen haben sich der Aktion bereits angeschlossen. Rund 350 Vereine, Krankenkassen und Unternehmer unterstützen gemeinsam mit vielen Prominenten, wie Senta Berger, Oliver Bierhoff, Jeanette Biedermann, Kai Pflaume oder Jörg Pilawa unsere Kampagne "Bewegung und Gesundheit". Wir wollen, dass solche Aktionen europaweit stattfinden.
Geht die Initiative "Ernährung, Bewegung und Gesundheit" nach der Deutschen Ratspräsidentschaft weiter?
Ulla Schmidt: Bereits die vorherigen Ratspräsidentschaften haben gesundheitliche Prävention in den Mittelpunkt gestellt und auch die Nachfolge-Länder Portugal und Slowenien werden die Themen Bewegung und Ernährung aufgreifen. Im Anschluss an die deutsche Ratspräsidentschaft plant Portugal, im zweiten Halbjahr 2007 den Schwerpunkt auf "Bessere Gesundheit für Migrantinnen und Migranten" zu legen. Anknüpfungspunkt ist die Tatsache, dass Bewegungsmangel und einseitige Ernährung vermehrt bei Menschen aus sozial benachteiligten Regionen und Gruppen festzustellen ist.






